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Nicht nur Nostalgie : Von der Last, ein Imperium zu sein

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Als die Sowjetunion 1991 tatsächlich aufgelöst wurde, empfanden Millionen Menschen dies als Verlust. Mehr als 40 Millionen Russen wurden zu Ausländern im eigenen Land, ethnische Minoritäten in den sowjetischen Republiken zu Fremden, obwohl sie doch immer schon dort gelebt hatten, Urlaubsorte und mythische Erinnerungsorte des Imperiums lagen nun im Ausland. Zweifellos haben viele Menschen das Ende der Sowjetunion für einen Segen gehalten, für ebenso viele aber war es eine Katastrophe, die ihr Leben aus der Bahn warf. Wie hätte der Kreml, der die Rolle des Nachlassverwalters zu übernehmen hatte, mit diesem Erbe umgehen sollen? Man kann es sich nicht aussuchen, ob man ein Imperium sein will oder nicht. Was konnte Russland schon sein, nachdem es 300 Jahre lang ein Imperium gewesen war? Im Westen hat man dies nicht begriffen, sondern Konflikte im Namen vermeintlich universaler Werte heraufbeschworen, ohne zu ahnen, wohin sie am Ende führen würden.

Als die Sowjetunion zerfiel, glaubte mancher noch, das Ende des Imperiums werde auch der Anfang der Demokratie sein, so wie man sie sich in den Ländern des Westens vorstellte. Stattdessen siegte der ethnische Nationalismus über die Nation der Staatsbürger, die autoritäre Ordnung über die offene Gesellschaft. Für die meisten Bürger der ehemaligen Sowjetunion war es offenbar wichtiger, einem Kollektiv von Gleichgesinnten als einer Gesellschaft der Verschiedenen anzugehören. Und dennoch sind alle ehemaligen Republiken mit dem Imperium, dem sie einmal angehört hatten, verbunden – ganz gleich, welche Haltung sie zu ihm einnehmen mögen. Die Sowjetunion war ein einheitlicher Wirtschaftsraum, seine Verkehrswege gaben dem Imperium einen inneren Zusammenhang, seine Schulen und Universitäten waren Stätten der Ausrichtung und Zurichtung, die Republiken Orte nationaler Selbstvergewisserung.

Was die Sowjetunion im Großen war, waren die Republiken im Kleinen: Vielvölkerstaaten, die von ethnischen Ansprüchen, Grenzen und Nachbarn strukturiert wurden. Nach dem Ende der Sowjetunion entfaltete sich in allen Republiken ein aggressiver Ethnonationalismus, der darauf bestand, Minderheiten der Titularnation zu unterwerfen. Manche Republiken beanspruchten Territorien, die sich jenseits ihrer Grenzen befanden, weil auch dort Landsleute lebten. In Georgien, in der Ukraine und in Armenien hatten die politischen Eliten schnell gelernt, in welcher Sprache sie im Westen um Sympathien werben konnten: als Befürworter westlicher Werte, als Europäer und Opfer totalitärer Herrschaft und als Kämpfer für die nationale Befreiung. Und so geriet in Vergessenheit, dass die kleinen Imperien ihre Minderheiten schlechter behandelten als die große Sowjetunion. Als 2008 Russlands Streitkräfte in Georgien einfielen, wurde diese Intervention im Westen als Ausdruck russischen Expansionsstrebens verstanden. Man könnte aber auch sagen, dass Russland in einen Konflikt eingriff, der die Osseten vor der Expansion Georgiens schützte.

Politiker im Westen seien überzeugt, schreibt Toal, dass ihre Strategien, die Welt zu ordnen, positive Wirkungen entfalteten, weil sie der Verbreitung des demokratischen Staatsmodells dienten. Die amerikanische Intervention im Irak beweise hingegen das Gegenteil. In Wahrheit folgte der Krieg im Irak überhaupt keiner geopolitischen Logik, sondern einer Entscheidung, die aus Dummheit und Geschichtsvergessenheit gefällt wurde. Russlands Strategien folgen anderen Modellen. Wer es in der Außenpolitik zu etwas bringen möchte, sollte verstehen, worauf der andere hinauswill und warum er es will. Darüber belehrt dieses kluge Buch seine Leser auf unterhaltsame Weise.

Gerard Toal: Near Abroad. Putin, the West and the Contest over Ukraine and the Caucasus. Oxford University Press, Oxford 2017. 387 S., 27,49 / 22,99 £.

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