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Nicht nur Bautzen : Stätte des Unrechts

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Blick in die Haftanstalt Brandenburg-Görden, unmittelbar nach der Wende Bild: Eastblockworld.com

Brutalität hatte System in der DDR - in Brandenburg-Görden trieb es ein Anstaltsleiter zu bunt, sogar für die SED-Führung.

          Denkt man an die Gefängnisse der SED-Diktatur, kommt einem als Erstes das „Gelbe Elend“ in Bautzen in den Sinn, das als Sonderhaftanstalt berühmt-berüchtigt war. Allerdings gab es zahlreiche andere Haftorte, in denen das Regime seine politischen Gegner unterbrachte. Zu ihnen gehörte Brandenburg-Görden, mit bis zu 3500 Häftlingen die viertgrößte dieser Haftanstalten. Dem Verfasser dieser in mancher Hinsicht erschöpfenden Studie, Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), kommt das Verdienst zu, mit akribischer Quellenrecherche die Geschichte dieser Stätte des Unrechts dem Vergessen zu entreißen: Der hermetisch abgeschottete Mikrokosmos von Brandenburg-Görden ermöglichte einen „besonderen Spielraum für Eigenmächtigkeiten von Gefängnisleitung wie auch Staatssicherheit“. Diese bedrückende Eigenwelt der Haftanstalt wird plausibel in die allgemeine Geschichte des politischen Strafvollzugs und des Gefängniswesens in der DDR eingebettet.

          Der Studie ist eine Leo Tolstoi zugeschriebene Aussage vorangestellt: „Um einen Staat zu beurteilen, muss man sich seine Gefängnisse von innen ansehen.“ Dieser Sichtweise schließt sich der Verfasser an. Haftanstalten seien gleichsam „das Spiegelbild des politischen Systems eines Landes“. In vielerlei Hinsicht war Brandenburg-Görden ein Sinnbild für die verbrecherische Theorie und Praxis der SED-Diktatur. Auf dem Verordnungsweg dekretiert, war seit 1949 die dem Regime ergebene Volkspolizei für den gesamten Strafvollzug zuständig.

          Strenge Disziplinarregimes gibt es auch anderswo. Aber in den Gefängnissen der DDR wurde die widerrechtliche Schikanierung vor allem der politischen Häftlinge zur Norm. In der Frühzeit waren diese unter den Insassen überrepräsentiert. Bis zu 90 Prozent der rund 3000 Häftlinge zählten 1951 zu dieser Rubrik, der Rest waren Kriminelle. Der lange Arm der Stasi reichte bis in die Zellen. Bespitzelung und Bestechung waren die Regel, auch die Methode, „Berufsverbrecher“ zu Komplizen der Gefängnisleitung zu machen und die politischen Gefangenen auszuhorchen, war Usus. Zugleich lösten sich die Grenzen zwischen politischer Strafverfolgung und Berufskriminalität auf. Selbst gewöhnliche Straftäter verbüßten Strafen, die wesentlich härter waren als in der Bundesrepublik. All dies fand unter bedrückenden Verhältnissen statt. Brandenburg-Görden war völlig überbelegt.

          Besonders die brutale Praxis unter Fritz Ackermann, der von 1958 an für fast ein Vierteljahrhundert als Anstaltsleiter geradezu autokratisch herrschte, ist aufschlussreich. Unter ihm wurde ein System der Begünstigung auf die Spitze getrieben, das durch „Vetternwirtschaft, Gönnertum, Korruption und Intrigen“ gekennzeichnet war.

          Die Diktatur ermöglichte es Ackermann und manchen seiner Untergebenen, dass die Häftlinge sogar beim Bau der Eigenheime der SED-Funktionäre helfen mussten. Dies wurde schließlich selbst der Parteiführung zu viel. Ackermann wurde in den Ruhestand verabschiedet, weil eine strafrechtliche Verfolgung „zu viel Staub aufgewirbelt“ hätte.

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