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Neue Weltordnung : Chinas Antworten auf den neuen „Sputnik-Schock“

  • -Aktualisiert am

Tischtennisspiel mit einem Roboter während der World Artificial Intelligence Conference (WAIC), eine Messe über Künstliche Intelligenz in Shanghai. Bild: dpa

China ist in aller Munde, auch beim Thema künstliche Intelligenz. Berührungsängste sind der Volksrepublik fern.

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          Die Analyse der langfristigen Strategie(n) der Volksrepublik China erfolgt oft über Umwege, die wie ein Blend aus Teesatzleserei und Pekinologie anmuten. Kaum war die Neujahrsrede Xi Jinpings zum Jahreswechsel 2017/2018 ausgestrahlt worden, wurde im chinesischen Internet über die in den Regalen im Hintergrund sichtbare „private“ Bibliothek des Staats- und Parteichefs diskutiert. Nicht zuletzt, da sich in diesen Reihen zwei Schlüsselwerke zu Künstlicher Intelligenz (KI), Maschinellem Lernen und Neuronalen Netzen (Stichwort: „Deep Learning“) befanden (Pedro Domingos’ „The Master Algorithm“ sowie Brett Kings „Augmented: Life in the Smart Lane“). Seit Jahren betont Xi Jinping unablässig das Ziel, China als globale Cybergroßmacht und Pionier im Bereich der Technologie–Innovation aufzustellen. Auf der Arbeitstagung der von ihm geleiteten Kommission für Cybersicherheit und Informatisierung im April 2018 legte er nicht nur strategische Überlegungen zum „chinesischen“ Internet vor, sondern artikulierte auch den Anspruch Chinas, die Standardisierung des globalen Cyberspace und des KI-Sektors mitgestalten zu wollen.

          In seinem im September 2018 auf Englisch erschienenen Buch erzählt Kai-Fu Lee die Geschichte des Ringens Chinas um die weltweite Positionierung an der Spitze der Innovation im Bereich Künstliche Intelligenz aus der Innenperspektive, eng verwoben mit autobiographischen Sequenzen. Lee – in Taiwan geboren, High-School-Abschluss im amerikanischen Tennessee – zählt zu den Pionieren der chinesischen KI-Innovationsforschung. In den späten achtziger Jahren schloss er seinen PhD an der Carnegie Mellon University in den Vereinigten Staaten ab – mit einer Studie zu automatisierter Spracherkennung und maschinellem Lernen. In den Folgejahren war er maßgeblich am Aufbau des Microsoft- Forschungszentrums China/Asien beteiligt und fungierte 2009 als Gründungsdirektor für Google in China. Gegenwärtig ist er Vorsitzender und CEO von Sinovation Ventures, spezialisiert auf Start-ups im chinesischen KI-Sektor. Kai-Fu Lee thematisiert nicht die Konflikte und Spannungen, die zur Schließung der Google-Dienste in China (oder der Sperrung von Facebook, Twitter und Youtube) führten, geschweige denn die politische Steuerung des Netzes. Vielmehr widmet er sich den verschiedenen Phasen des Aufbaus des chinesischen IT-Sektors, dem Entstehen global aktiver chinesischer IT-Unternehmen und der Forschung im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Er skizziert dabei den Übergang weg von der Imitation amerikanischer Angebote wie Suchmaschinen, Video- und Musikportalen oder Kommunikations-Apps hin zu ihrer innovativen Weiterentwicklung.

          Als symbolischer Auslöser der strategischen Priorisierung und der massiven Investitionen des chinesischen Staats in die Bereiche Technologie und Innovation benennt Kai-Fu Lee den „AlphaGo“- Schock, den er als „Sputnik“-Moment des 21. Jahrhunderts einstuft. Im Mai 2017 besiegte die von Google DeepMind programmierte Software den (chinesischen) Go-Weltmeister Ke Jie (bereits ein Jahr zuvor, im März 2016, hatte sich der aus Südkorea stammende Go-Meister Lee Sedol dem Programm geschlagen geben müssen). Im Juli 2017 legte der chinesische Staatsrat eine Aktualisierung der chinesischen KI-Strategie vor, die einen ambitionierten Dreistufenplan vorsieht, mittels dessen China bis 2030 die weltweite Führung im Bereich Technologie-Innovation und KI übernehmen soll. Im Dezember 2017 folgte das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) mit einem Aktionsplan für 2018 bis 2020. Auch das Strategiepapier des Staatsrats „Made in China 2025“ und der 13. Fünf-Jahres-Plan (2016 bis 2020) dokumentieren die gezielte Förderung von Wissenschaft und Forschung durch den Staat. Aufgebaut werden sollen „globale chinesische Champions“ im Bereich der grünen Technologie und Künstlichen Intelligenz. Neben den immensen Investitionen in KI-Technologien in China – an der Peking Universität wurde hierzu ein Forschungscampus eingerichtet; chinesische IT-Start-ups genießen massive Steuererleichterungen; ausländische KI-Forscher werden für die chinesischen Programme weltweit umworben – schließt die Umsetzung der chinesischen Strategie auch die Kooperation mit weltweit führenden Universitäten wie auch die Gründung von KI-Forschungszentren außerhalb Chinas mit ein. Parallel laufen Initiativen, das Zhongguancun-Viertel in Peking zu einem wettbewerbsstarken Silicon Valley aufzurüsten.

          Automatisierte Sprach- und Gesichtserkennung in Kombination mit „Big Data“ sind diejenigen Applikationen chinesischer IT-Unternehmen, die in der Außenwahrnehmung Bedrohungsszenarien eines wiedererstarkenden „leninistischen“ Überwachungsstaates wachrufen. Allerdings ist China kein Sonderfall mit Blick auf den Einsatz von KI mit dem proklamierten Ziel der Steigerung der öffentlichen Sicherheit. Auch in den Vereinigten Staaten und Europa werden automatisierte Überwachungs- und Kontrollsysteme (unter anderem „Predictive Policing“) ausgetestet.

          Im Kontrast zu diesen dunklen Negativszenarien fokussiert Kai-Fu Lee seine Abhandlung auf jene Aspekte der Digitalisierung und Automatisierung, die in die Bereiche E-Commerce, E-Health, E-Mobility, Smart City und Smart Home fallen. So skizziert er, wie China über Smartphone-Apps, wie Tencents WeChat oder Alibabas Alipay, mehr und mehr in Richtung einer bargeldlosen Gesellschaft steuert. Lee betont die Vorteile komplexer Algorithmen, die beispielsweise der schnellen Genehmigung von Mikrokrediten ohne konventionelle Bonitätsprüfung zugrundeliegen. Die KI-gestützte Auswertung von „Big Data“ soll nicht zuletzt – hier schließt sich der Kreis zu der Diskussion über das chinesische E-Governance-Konzept der späten neunziger Jahre –, eine landesweite Harmonisierung von Verwaltungs- und Rechtsakten ermöglichen: und die Gefahr von Machtwillkür und Fehlentscheidungen lokaler Kader und Gerichte reduzieren (auch hier prescht China nicht allein vor – zu denken wäre unter anderem an Parallelen zu Casetext in den Vereinigten Staaten).

          Offiziell stehen bei den chinesischen KI-Innovationen Serviceleistungen im Mittelpunkt, welche die Lebensqualität erhöhen und zu einem Ausgleich der ungleichen Lebensbedingungen in urbanen und ländlichen Gebieten beitragen sollen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in Chinas „neuem Urbanisierungskonzept“ wie auch in den KI-gestützten Modellentwürfen zur Lösung der Herausforderungen einer alternden Gesellschaft wider.

          Lee prognostiziert, dass die Umstellung auf lernfähige Maschinen nachhaltige Veränderungen des Arbeitsmarktes mit sich bringen wird. Nicht China fordert die Welt heraus, sondern die voranschreitende Digitalisierung. Allerdings – und diesen Punkt thematisiert Lee eher versteckt – zielt technologische Innovation in einer globalisierten Welt des Kapitalismus auf die Gewinnung von Marktanteilen ab. Damit verbunden ist auch die Setzung globaler technischer Standards. Es ist anzunehmen, dass diejenigen Akteure mit den fortschrittlichsten Technologien diese auch weltweit als Standard zu verankern versuchen werden – wie der Titel des Buches nahelegt. Im Januar 2018 legte das dem MIIT zugeordnete China Electronics Standardization Institute (CESI) ein Weißbuch zur Standardisierung von KI vor, das neben Vorstellungen zu Entwicklung und Regulierung von KI auch den Aspekt der ethischen Standards umfasst. Wie weit die „Diktatur“ selbstlernender Algorithmen in Zukunft gehen wird, hängt maßgeblich von den roten Linien ab, die in nationalen und globalen KI-Regelwerken fixiert werden. Bei der Entwicklung neuer Standards wie auch der globalen Normsetzung dürfte China eine zentrale Rolle zukommen.

          Kai-Fu Lee: AI Superpowers China, Silicon Valley, and the New World Order.

          Houghton Mifflin Harcourt, Boston 2018. 272 S. 28$.

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