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Otto von Bismarck : Abgang des Berliner Patriarchen

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Aus dem „Kladderadatsch“ (1887) Bild: Abb. aus Otto von Bismarck. Aufbruch in die Moderne. Bucher Verlag

Ein Krieg, „den wir mit Russland und Frankreich gleichzeitig zu führen hätten“, so Reichskanzler Otto von Bismarck gegenüber Kaiser Friedrich III. am 3. April 1888, stelle, „auch wenn er siegreich bliebe“, immer „eine der größten Kalamitäten“ dar, „welche über das Deutsche Volk hereinbrechen könnte“.

          „Was mir noch bevorsteht“, so bemerkte Otto von Bismarck Anfang August 1888 wohlgelaunt und jovial, „ist gratis Zugabe, au fond bin ich reichlich abgefunden.“ Dass es am Ende anders kommen sollte, dass er von Wilhelm II., dem jungen Kaiser, der kurz zuvor den Thron bestiegen hatte, aus dem Amt gedrängt wurde, vermochte selbst Bismarck, der schonungslose Analytiker, zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Gewiss, es war ihm nicht entgangen, dass mit Wilhelm II. ein Monarch an die Macht gelangt war, der - im Unterschied zu seinem Großvater Wilhelm I. - danach strebte, selbst zu regieren und alle Entscheidungen persönlich zu treffen. Gleichwohl tröstete sich Bismarck noch im Oktober 1888 mit dem Gedanken, es sei nun einmal eine „geschichtliche Thatsache“, dass „Meinungsverschiedenheiten zwischen Thronfolger und Monarchen seit dem Großen Kurfürsten oft stattgefunden, aber niemals verhindert“ hätten, dass „der Nachfolger, sobald er wirklich zur Regierung gelangte, jederzeit die früher gemißbilligten Wege des Vaters oder Vorgängers wiedergefunden und festgehalten“ habe. Was nichts anderes hieß als: die Zeit werde es schon richten.

          Wie gründlich sich der Reichskanzler damit verrechnete, zeigen seine Schriften aus den Jahren 1888 bis 1890. Während die alte „Friedrichsruher Ausgabe“ der gesamten Reichskanzlerzeit nur einen einzigen Band widmete, bietet der soeben erschienene Band allein für die letzten zwei Jahre von Bismarcks politischer Tätigkeit 553 Dokumente, von denen mehr als zwei Drittel bislang unveröffentlicht waren. Von Andrea Hopp mustergültig bearbeitet, zuverlässig kommentiert und mit einer konzisen Einleitung versehen, unterstreicht die Auswahl den hohen Standard der Neuen Friedrichsruher Ausgabe.

          Im Mittelpunkt stehen dabei selbstverständlich die Ereignisse rund um den doppelten Thronwechsel 1888. Sie reichen von den Anordnungen zur Landestrauer über die Vorbereitung Prinz Wilhelms auf die Staatsgeschäfte bis hin zum Skandal um die Publikation von Auszügen aus dem Tagebuch, das Friedrich III. als Kronprinz während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 geführt hatte. Die Entwicklungen in der großen Politik lenkten Bismarcks Blick zugleich immer wieder auf den Balkan. Hier trafen die Interessen Russlands und Österreich-Ungarns ganz unmittelbar aufeinander. Und hier vor allem witterte Bismarck die Gefahr eines neuen, großen Krieges, den er um jeden Preis zu vermeiden suchte, da er einer Zweifrontenbedrohung gleichkäme. Ein Krieg jedoch, „den wir mit Russland und Frankreich gleichzeitig zu führen hätten“, so Bismarck unmissverständlich gegenüber Kaiser Friedrich III. am 3. April 1888, stelle, „auch wenn er siegreich bliebe“, immer „eine der größten Kalamitäten“ dar, „welche über das Deutsche Volk hereinbrechen könnte“.

          Die Schlussfolgerungen, die Bismarck aus dieser Situation zog, waren einfach, aber weitreichend. Zum einen musste der Krieg, wenn er denn nicht zu vermeiden war, „vor der öffentlichen Meinung Europas“ überzeugend zu rechtfertigen sein. Angriffskriege sämtlicher Couleur waren damit ausgeschlossen. Das Zeitalter der Kabinettskriege war unwiederbringlich vorbei, und das moderne Zerstörungswerk des radikalen Kriegsnationalismus war noch nicht absehbar. Zum anderen musste das Habsburgerreich um jeden Preis als Großmacht erhalten bleiben.

          Da Wien nach Lage der Dinge der einzig sichere Bündnispartner war, erwies sich Österreichs ungeschwächte Existenz aus prestige- und machtpolitischen Gründen als ein „Lebensbedürfniss“ - für Deutschland wie für das „europäische Gleichgewicht“ insgesamt. Beide Ziele mit demselben Elan zu verfolgen: eine defensive Politik des Status quo zu betreiben und zugleich die österreichische Valuta zu erhalten erwies sich als eine Aufgabe, die der Quadratur des Kreises gleichkam. Ein Bismarck vermochte dieses Kunststück noch hin und wieder zu vollführen, gleichsam als Trick eines Illusionskünstlers, mit Hilfe doppelbödiger Diplomatie nach außen und immerwährenden Rücktrittsdrohungen nach innen. Seine Nachfolger waren damit endgültig überfordert.

          Dass Bismarck inmitten all der tiefgreifenden Umwälzungen - in außenpolitischer Hinsicht blieb die Gefahr eines Zweifrontenkrieges virulent, in innenpolitischer drängte die Arbeiterfrage nach dem sensationellen Sieg der Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen im Februar 1890 mit neuer Kraft auf die Tagesordnung - die Zeit fand, um Instruktionen zum Sprachgebrauch in amtlichen Schriftstücken zu erlassen, wirkt im Nachhinein beinahe verstörend. Max von Brandt, den Gesandten in Peking, ließ er wissen, wie unangenehm es ihm aufgefallen sei, dass „aus dem Lateinischen stammende und in den deutschen Sprachgebrauch übergegangene Worte mit einem Artikel versehen werden, welcher dem lateinischen Geschlecht des Wortes, nicht aber unserem Sprachgebrauch entspricht“. Man schrieb den 5. März 1890. Knapp zwei Wochen später reichte Bismarck sein Entlassungsgesuch ein. Der Herbst des Patriarchen war vorüber.

          Otto von Bismarck: Schriften 1888-1890. Neue Friedrichsruher Ausgabe. Abteilung III: 1871-1898, Schriften, Band 8, bearbeitet von Andrea Hopp. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014. 680 S., 79,- €.

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