https://www.faz.net/-gpf-9drdr

Nato-Südostflanke : Kalter Friede zwischen Verbündeten

  • -Aktualisiert am

Friedhof in der zyprischen Hauptstadt mit Gräbern von Opfern der türkischen Invasion 1974. Bild: dpa

Wer solche Freunde hat, braucht eigentlich keine Feinde mehr. Die Nöte der Nato mit Griechenland und der Türkei.

          4 Min.

          Konflikte zwischen Griechenland und der Türkei sind fester Bestandteil der Geschichte der Nato. Beide Staaten gehörten nicht zu den zwölf Gründungsmitgliedern der Nordatlantischen Allianz, sondern wurden erst 1952 aufgenommen. Auf Seiten der Nato, vor allem der Vereinigten Staaten und Großbritanniens, waren für diese Entscheidung strategische Überlegungen ausschlaggebend. Mit dem Beitritt Ankaras und Athens sollte ein Gegengewicht zur konventionellen Überlegenheit der Sowjetunion in Südosteuropa und im östlichen Mittelmeerraum geschaffen werden. Das entsprach auch der Interessenlage der Neumitglieder, deren eigenes Potential zu schwach war, um sich im Ernstfall gegen die kommunistische Weltmacht behaupten zu können. Dieses gemeinsame Interesse bildete den Kitt, der beide Länder gemeinsam in der Nato hielt, obwohl ihre bilateralen Beziehungen von tiefgreifenden Konflikten bis hin zu offener Feindseligkeit geprägt waren und blieben.

          Ursächlich für den Konflikt sind Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Ende des Ersten Weltkrieges (1918), mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches (1922), den Territorialregelungen zwischen beiden Staaten und den großangelegten Vertreibungen ethnischer Griechen und Türken, die der Vertrag von Lausanne (1923) nachträglich sanktionierte. Die genaue Grenzregelung insbesondere im maritimen Bereich ist nach wie vor umstritten. Eine umfassende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat bis heute nicht stattgefunden. Stattdessen dominierte in beiden Ländern Nationalismus. Dieser fokussierte sich seit den fünfziger Jahren immer stärker auf den fragilen Status Zyperns, das bis 1960 britische Kronkolonie war. Hier setzt die als Dissertation an der Universität Potsdam entstandene Schrift von Stefan Maximilian Brenner an. Der Autor will herausfinden, welche Anstrengungen die Nato unternahm, um die fortwährenden griechisch-türkischen Spannungen zu entschärfen und die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Bündnispartnern beizulegen. Ebenfalls untersucht wird, welche Maßnahmen die Nato ergriff, um die beiden Staaten zu integrieren und langfristig an sich zu binden, um das strategische Ziel des Bündnisses – die Sicherung ihrer Südostflanke – tatsächlich zu erreichen.

          Der Untersuchungszeitraum spannt sich vom Beitritt Griechenlands und der Türkei zur Nato bis zum Ende des Ost-West-Konflikts 1989. Stefan Brenner stellt anhand von vier Fallstudien die Rolle der Nato im Dauerkonflikt dar. Drei der vier Fallstudien befassen sich mit den Auseinandersetzungen der beiden in Bezug auf Zypern; die vierte behandelt die Politik des Bündnisses gegenüber dem Militärputsch in Athen (1967) und dessen negative Folgen auf die Nachbarschaftsbeziehungen zur Türkei. Der erste griechisch-türkische Konflikt über Zypern (1955 – 1959) setzte ein, bevor beide Staaten vollständig in die militärische Integration der Nato eingebunden werden konnten. Während die griechischstämmige Mehrheitsbevölkerung der britischen Kronkolonie unter Führung von Erzbischof Makarios einen Anschluss („Enosis“) an Griechenland anstrebte, favorisierte die türkische Minderheit einen unabhängigen Staat mit weitgehenden Rechten für die eigene Volksgruppe. Außer den beiden direkten Konfliktparteien waren die Bündnisvormacht Vereinigte Staaten und die bisherige Kolonialmacht Großbritannien besonders in diese Auseinandersetzung involviert. Neben den Vereinten Nationen bildete die Nato das zentrale Forum für die Austragung des Konflikts. Dort setzte sich schnell die Position durch, die Entstehung eines unabhängigen Staates zu unterstützen. Griechenland, die Türkei und Großbritannien wurden als Schutz- und Garantiemächte eingesetzt, um die Souveränität Zyperns und die Verwirklichung der Volksgruppenrechte, insbesondere für die türkische Minderheit, zu gewährleisten. London sicherte sich außerdem zwei strategisch wichtige, bis heute bestehende Militärstützpunkte. Athen, das zeitweise sogar seine Offiziere aus Nato-Stäben abgezogen hatte, stimmte dieser Lösung nur widerwillig zu und bezichtigte das Bündnis öffentlich, sich auf die Seite der Türkei gestellt zu haben. Tatsächlich hatte für die Nato der Schutz ihrer Südostflanke durch die Verpflichtung des Allianzmitglieds Türkei eindeutig Vorrang vor den Wünschen Griechenlands.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.