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Nationalsozialismus : Vom Ende vieler Klischees

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Gedenkstein eines unbekannten Kriegstoten aus dem April 1945 Bild: dpa

Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, die bei Ulrich Herbert mit gutem Grund den größeren Raum der Darstellung über das „Drítte Reich“ einnimmt, zählt zum Besten, was es derzeit in diesem Format gibt. Ihm ist auf kleinem Raum ein großer Wurf gelungen.

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          Es gibt historische Themen, die werden so intensiv erforscht, dass sich ständig neue, darunter beileibe nicht nur relevante Fragestellungen auftun. In solchen Fällen kann eine Gesamtdarstellung nur eine Zwischenbilanz sein, und die ist riskant. Das wusste der Freiburger Historiker Ulrich Herbert, Autor einer gewichtigen Deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, als er sich daranmachte, die Geschichte des „Dritten Reiches“ auf nicht einmal 130 Textseiten zu Papier zu bringen. Dass der Versuch auf ganzer Linie geglückt ist, liegt am Zugriff. Herbert richtet den Blick zunächst auf das Kaiserreich und argumentiert, dass sich die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nicht - jedenfalls nicht in erster Linie oder gar ausschließlich - auf „Fehlentwicklungen“ jener Epoche zurückführen lässt.

          Der These von einem deutschen „Sonderweg“, die dieser Interpretation zugrunde liegt und hierzulande eine Zeitlang Konjunktur hatte, erteilt er explizit, den kurzzeitig populären Vorstellungen von einem „langen“ deutschen „Weg nach Westen“ implizit eine klare Abfuhr. Denn der eine wie der andere Weg setzt das Abweichen von einer Norm voraus. Diese Norm aber gab es nicht, weil es „den Westen“ nicht gab. Jedenfalls nicht als Vorbild, im Gegenteil: Nicht zu übersehenden Defiziten standen in Deutschland nach 1871 „bemerkenswerte Fortschritte gegenüber, wie sie in anderen Ländern erst viel später erreicht wurden - das allgemeine Männerwahlrecht etwa, die ausgeprägte Rechtsstaatlichkeit oder die Sozialpolitik“. Mehr noch: Das Kaiserreich definierte „bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein die Norm von Prosperität und Erfolg eines Gemeinwesens“.

          Auch andere zu Klischees verkommene Argumentationsmuster greifen bei Herbert nicht mehr. Weder der exzessive Nationalismus, der spätestens seit Beginn des Ersten Weltkrieges grassierte, noch der Antisemitismus waren spezifisch deutsche Phänomene: „Wer 1913 hätte voraussagen müssen, in welchem europäischen Land zwanzig Jahre später eine radikale, mörderische Antisemitenpartei an die Macht kommen würde, der hätte wohl auf Russland gesetzt oder eher noch auf . . . Frankreich - nicht aber auf Deutschland.“ Für die Übernahme und die Ergreifung der Macht durch die Nationalsozialisten gab es andere Gründe, darunter jene rasante wirtschaftliche und soziale, technische und kulturelle Entwicklung des ersten Nationalstaats auf deutschem Boden, mit der seine Bewohner seit 1871 kaum Schritt halten konnten. Wenn es um die drängende Frage ging, wie man die Folgen dieser „spektakulären Dramatik“ in den Griff bekommen konnte, hielten die Nationalsozialisten die passenden Antworten parat. Außerdem war ihre Partei die einzige Kraft innerhalb des rasch wachsenden „nationalen Lagers“, die „über eine herausragende Führerpersönlichkeit verfügte“.

          Das festzustellen heißt nicht, ein weiteres Klischee zu bedienen und die Karriere des Nationalsozialismus auf charismatische, demagogische oder sonstige Eigenschaften seines „Führers“ zu reduzieren. So wichtig und wohl auch unersetzbar Adolf Hitler für seine Partei und ihre Herrschaft gewesen ist, entscheidend für ihren Erfolg war der nach dem 30. Januar 1933 in Szene gesetzte „vollständige Systemwechsel . . ., der alle Elemente einer Revolution in sich trug“. Mit dem Erfolg wuchs die Zustimmung der Bevölkerung zu den Machthabern. Herbert spricht von einer „Art Komplizenschaft zwischen der NS-Führung und Teilen der Bevölkerung, die sich aus dieser Verbindung bis zum Schluss nicht lösen konnte“, und er zeigt, wie es zu dieser Komplizenschaft kam. Der Nachweis gelingt, weil Herbert alle relevanten Bereiche im Blick hat: Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kultur, Krieg und Vernichtung, Widerstand und Kollaboration.

          Dieser umfassende Zugriff geht namentlich im Bereich der Außenpolitik mitunter zu Lasten der Genauigkeit: So war Großbritannien im Herbst 1938 eben keine „Schutzmacht“ der Tschechoslowakei, wohl aber Frankreich und die Sowjetunion. Die wiederum schloss mit Deutschland im Sommer 1939 zwei Pakte mit jeweils geheimen Zusätzen. Der erste bezog sich auch auf Finnland und Rumänien, und erst der zweite definierte die endgültige Demarkationslinie in Polen und schlug jetzt auch Litauen - als dritten der baltischen Staaten und mit bezeichnenden Einschränkungen - der Sowjetunion zu. Im Übrigen gab nicht erst die russische, sondern noch die sowjetische Führung am 18. August 1989 die Existenz der geheimen Zusätze offiziell zu - und beschleunigte damit die Erosion der Sowjetunion.

          Wie differenziert man auf engem Raum operieren kann, zeigen Herberts vorbildliche Darstellung und Analyse von Unterdrückung und Verfolgung, Krieg und Vernichtung. Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, die mit gutem Grund den größeren Raum der Darstellung einnimmt, zählt zum Besten, was es derzeit in diesem Format gibt. Ulrich Herbert ist auf kleinem Raum ein großer Wurf gelungen.

          Ulrich Herbert: Das Dritte Reich. Geschichte einer Diktatur. Verlag C.H. Beck, München 2016. 134 S., 8,95 €.

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