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Nationalhymnen-Suche 1949-1952 : Menschlichkeit, Du über alles!

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Büste von Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland Bild: dpa

Ausgangspunkt des Hymnen-Streits war der „Coup“ des Bundeskanzlers Adenauer vom April 1950 im West-Berliner Titania-Palast; zum Abschluss seiner Rede ließ er die dritte Strophe des Deutschlandliedes anstimmen. Nicht nur die SPD fühlte sich düpiert, sondern auch Bundespräsident Heuss.

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          Vor 175 Jahren dichtete August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zur Melodie des Kaiserquartetts von Joseph Haydn das Lied der Deutschen – im August 1841, als Maas, Memel, Etsch und Belt ungefähr das Gebiet umrissen, in dem Deutsch gesprochen wurde, und als das „Deutschland, Deutschland über alles“ der ersten Strophe auch die Sehnsucht nach einem geeinten Vaterland zum Ausdruck brachte. Im August 1922 führte Reichspräsident Friedrich Ebert das dreistrophige Lied als Nationalhymne ein und begründete dies mit der dritten Strophe: „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Das „Dritte Reich“ kombinierte die erste Strophe des Hoffmann-Haydnschen Liedes mit Horst Wessels primitivem Gesang „Die Fahne hoch“; so entstand eine Art Doppelhymne mit getragenem ersten und marschmusikmäßigem zweiten Teil.

          Nachdem sich die DDR für die Becher/Eisler-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ entschieden hatte, wollte die junge Bundesrepublik die „Proklamation der Bundeshymne“ dem Bundespräsidenten überlassen. „Die im Deutschlandlied besungenen Gewässer gehörten nach 1945 allesamt nicht mehr zum deutschen Hoheitsgebiet, sie waren stets, um es vorsichtig zu formulieren, prekäre Grenzmarken gewesen. So hob auch Theodor Heuss immer wieder hervor: Das Deutschlandlied sei zu einer ,Irredenta-Hymne‘ geworden“, konstatiert Clemens Escher in seiner gediegenen Studie über die Deutschen auf der Suche nach ihrer Nationalhymne. Dazu wertet er „Wäschekörbe voller Anregungen“ aus, die damals in Bonn eingingen und heute im Bundesarchiv lagern.

          Ausgangspunkt war der „Coup“ des Bundeskanzlers Konrad Adenauer von Mitte April 1950 im West-Berliner Titania-Palast; zum Abschluss seiner Rede ließ er die dritte Strophe des Deutschlandliedes anstimmen. Nicht nur die SPD-Opposition fühlte sich düpiert, sondern auch Bundespräsident Theodor Heuss. Er trug sich längst mit dem Gedanken, eine neue Nationalhymne einzubringen; den Text bestellte er bei Rudolf Alexander Schröder. Dessen drei Strophen begannen mit „Herz der Treue, Vaterland“, „Herz der Hoffnung, Heimatland“ und „Herz der Liebe, deutsches Land“. Die Trias Treue/Hoffnung/Liebe ersetzte der Bundespräsident nun durch Glaube/Liebe/Hoffnung: „Land des Glaubens, deutsches Land“ hieß sein Anfang der ersten Strophe. Gegen diese „Verchristlichung“ protestierte Schröder erfolglos. Nach einem Hymnen-Testlauf – vertont von Hermann Reutter – im Zuge der Silvesteransprache 1950 im Rundfunk erntete Heuss viel Hohn, Spott und Kritik. So meinte beispielsweise Bundestagspräsident Hermann Ehlers im März 1951, durch Aneignung jener drei aus der Bibel stammenden Begriffe auf „sehr innerweltliche Vorgänge“ sei es zu Formulierungen gekommen, „die als abwegig bezeichnet werden müssen“.

          Den zahlreichen Eingaben – teils Umdichtungen, teils Neudichtungen – wendet sich Escher mit großer Akribie und durch selbstgesetzte Schwerpunkte wie „Generationenkluft und Erwartungsgemeinschaft“, „Antikommunismus und Wiederbewaffnung“, „Bacchus und Venus“, „Gotteslob und Nationalismus“, „Raum und Identität“ sowie „Schuld und Verdrängung“ zu. Oft wurden nur kleine Veränderungen der ersten Strophe des Textes von 1841 nach Bonn übermittelt: „Deutschland, Deutschland, Du mein alles“ oder „Menschlichkeit, Du über alles, über alles in der Welt“. Als Reaktion auf den Heuss-Vorstoß berichtete der Pfarrer und SPD-Politiker Heinrich Albertz im Januar 1951 dem Staatsoberhaupt vom „ungeheueren Eindruck“ beim Besuch des ersten Länderspiels der Nationalmannschaft gegen die Auswahl des schweizerischen Fußballverbandes in Stuttgart am 22. November 1950. Imponiert hatte Albertz „die dreiminütige Schweigeminute als Hymnenersatz“ – für ihn eine adäquate Antwort auf den Hymnen-Streit. Albertz sah laut Escher im Schweigen „eine provisorische Lösung für den provisorischen Staat“.

          Der Autor erkennt bei den Zuschriften einen „konstant hohen Anteil antisemitischer Vorurteilsmuster“ ebenso wie „Mechanismen der Entlastung“ beim Blick zurück auf die Zeit vor 1945. Escher spricht von Adenauers „Politik der Unempfindlichkeit“ und diagnostiziert im Anschluss an Gregor von Rezzori eine „spezielle Form der Epochenverschleppung“: In den Hymnenvorschlägen „malte eine gefühlsstarke Gemeinschaft dafür das Panoramabild einer vergangenen heilen Welt. Dort waren die Menschen nah bei Gott, dieser war nah bei den Deutschen.“ Heuss lenkte bekanntlich erst Anfang Mai 1952 ein und stimmte widerwillig dem Wunsch Adenauers zu, das Hoffmann-Haydnsche Lied „als Nationalhymne anzuerkennen. Bei staatlichen Veranstaltungen soll die dritte Strophe gesungen werden.“ Allerdings verzichtete er auf eine „feierliche Proklamation“ der eigenen Niederlage.

          Clemens Escher: „Deutschland, Deutschland, Du mein Alles!“ Die Deutschen auf der Suche nach ihrer Nationalhymne 1949 – 1952. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017. 364 S., 39,90 €.

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