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Naher Osten : Syriens Ende

Zerstörte Straße am 27. März 2015 in Kobane, Syrien Bild: AFP

Volker Perthes fordert die Vereinigten Staaten, Europa und andere internationale Mächte zwar auf, ihre regionalen Partner im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ zu unterstützen. Den eigentlichen Kampf müssten aber diese Partner führen.

          Ratlos blicken wir auf den Nahen Osten. Der Flächenbrand, vor dem viele gewarnt hatten, ist eingetreten: Die staatliche Ordnung zerfällt, nichtstaatliche Akteure wie der „Islamische Staat“ füllen das Vakuum, Grenzen werden irrelevant, das Ausmaß der Gewalt und des Hasses sprengt die Vorstellungskraft. Die gesamte Region stehe erst am Beginn „einer Periode von Turbulenzen und Wandlungsprozessen, die kein Land völlig unberührt lassen wird“, schreibt Volker Perthes in seinem Essay über den Nahen Osten, dessen Titel sich auf eine düstere Aussage des früheren UN-Syrien-Gesandten Lakhdar Brahimi bezieht. Der Spitzendiplomat warnte im März 2013, man müsse sich auf ein Ende „Syriens, wie wir es kennen“, einstellen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Auch Perthes bietet keine Lösungen an. Er fasst die bekannten Ratschläge zusammen: in einzelnen Ländern zu Konfliktlösungen beitragen, die Transformation etwa durch die Inklusion möglichst vieler politischer Akteure fördern und gefährdeten Staaten bei der Verteidigung ihrer Grenzen helfen. Die Vorzüge des Essays liegen darin, dass Perthes den Knoten der Konflikte, Krisen und Kriege auflöst, indem er in verständlicher Sprache Ursachen, Triebkräfte und Akteure identifiziert. Sein Blick auf drei Zeitachsen veranschaulicht, weshalb sich eine neue, stabile Regionalordnung noch lange nicht abzeichnen wird. So ist unser Blick auf das aktuelle Geschehen fixiert, etwa auf tägliche Gewalt, Unterdrückung, Flüchtlingsströme. In Dekaden misst er die zweite, geopolitische Zeitlinie; auf ihr zerfällt heute die Ordnung, die die Kolonialmächte vor einem Jahrhundert geschaffen haben, ohne dass - da ein durchsetzungsfähiger Hegemon fehlt - eine neue Ordnung in Sicht ist. Die großen externen Mächte halten sich heraus und verteidigen ihre Interessen nur noch defensiv. Die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran seien aber „weder fähig noch willens, die Protagonisten eines Stützens eines regionalen Systems kollektiver Sicherheit“ zu werden.

          Auf der langen Zeitlinie verortet Perthes die „historisch geschaffenen Identitäten und Bindungen, die heute politisch wirksam“ sind. Denn je mehr Stabilität und verlässliche Staatlichkeit fehle, „desto wichtiger werden konfessionelle, ethnische oder tribale Bindungen“, die sich über eine sehr lange Zeit entwickelt haben. So kann der „Islamische Staat“ in seinem Herrschaftsgebiet auf Unterstützung durch die Bevölkerung setzen, indem er die historischen islamischen Referenzen aus der longue durée nutzt und weil die Bevölkerung die Machthaber in Damaskus und in Bagdad für noch schlimmer als den IS hält. Perthes fordert die Vereinigten Staaten, Europa und andere internationale Mächte zwar auf, ihre regionalen Partner im Kampf gegen den IS zu unterstützen. Den eigentlichen Kampf müssten aber diese Partner führen. Er macht sich nichts vor: „Der IS wird nicht einfach verschwinden, sondern wird - auch - militärisch besiegt werden müssen.“ Ein militärisches Vorgehen allein genügt nicht. Der Krieg muss auch ideologisch gewonnen werden. Denn die Sprache des selbsternannten Kalifen Bagdadi und die dahinterliegende totalitäre Islamauslegung „unterscheiden sich an vielen Stellen nur wenig von dem, was man auch von saudischen Religionsgelehrten hören kann“. Um den IS zu besiegen, müsste sich auch Saudi-Arabien verändern.

          Rainer Hermann

          Volker Perthes: Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen. Ein Essay. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 144 S., 14,- €.

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