https://www.faz.net/-gpf-9guww

Nachdenken über Nachwuchs : Sicherer Hafen Ehe

Ein Säugling liegt in einem Bett auf der Wochenstation im Universitätsklinikum in Dresden Bild: dpa

Eigentlich ganz einfach - und doch so kompliziert. Wenn sich junge Leute abgesichert fühlen, bekommen sie auch Kinder.

          Der Begriff Unsicherheit hat gute Chancen, zum Wort der Stunde zu werden. Die Politik hat das Phänomen der Unsicherheit erkannt – weil es aber in so viele Lebensbereiche hineinreicht, sind das eine ganze Menge Baustellen. Politik stößt vor allem da auf Hindernisse, wo es um eine ganz persönliche Unsicherheit geht, etwa bei der Frage, ob eine Familie Kinder in die Welt setzt oder nicht. Deutschland gehört, auch wenn die Geburtenzahlen zuletzt wieder gestiegen sind, zu den Ländern, in denen besonders wenige Kinder geboren werden. Permanent verweist die Politik auf die Gefahren dieses Umstandes und des damit einhergehenden demographischen Wandels – sei es beim Fachkräftemangel oder der Finanzierung der Rente.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Auch die aktuelle große Koalition will mit ihrer Politik dafür sorgen, dass mehr Kinder geboren werden. Bei der Suche nach den richtigen Maßnahmen würde ein Blick in das Buch von Annina T. Hering lohnen. Sie hat in ihrer Dissertation untersucht, wie sich verschiedene Partnerschaftsmodelle und prekäre Beschäftigung auf die Bereitschaft von Frauen, ein erstes oder ein zweites Kind zu bekommen, auswirken. Überraschend ist dabei nicht der Befund, dass noch immer die Ehe vielen Frauen eine Sicherheit vermittelt, die ihre Bereitschaft, eine Familie zu gründen, steigert. Auch nicht, dass die nichtehelichen Partnerschaftsmodelle in diesem Punkt aufholen. Weil die Nichtehe immer normaler wird, vermittelt sie auch immer mehr ein Gefühl der Sicherheit. Das zeigt sich auch daran, dass es bei der Entscheidung, ein zweites Kind zu bekommen, keinen Unterschied mehr gibt, ob eine Frau verheiratet ist oder nicht.

          Interessant ist vielmehr das Ergebnis, wie sehr prekäre Beschäftigung der Familiengründung abträglich ist. Wenn der Arbeitsplatz unsicher ist, hilft eigentlich nur noch eine Ehe (zumindest in Westdeutschland), damit Frauen sich doch für ein Kind entscheiden. Sehr detailliert fächert Hering auf, wie sich Region und Art der prekären Beschäftigung auf das Leben der Frauen auswirken.

          Das wäre der Punkt, an dem man gerne erfahren würde, welche sozial- und familienpolitischen Maßnahmen die Wissenschaftlerin der Politik empfehlen würde, um auf die Unsicherheiten zu reagieren. Dazu gibt es auch einen Abschnitt in ihrer Untersuchung, aber der ist ziemlich kurz geraten. Hering fordert die rechtliche Gleichstellung von Ehe und nichtehelichen Partnerschaften, außerdem weist sie auf die Gefahr einer weiteren Flexibilisierung des Arbeitsmarktes hin. Wie die Politik diese Entwicklung gestalten könnte, dazu findet man in der Untersuchung nicht viel. Die Regierung war in den ersten Monaten auf kaum einem Feld so fleißig wie bei der Familienpolitik in weiterem Sinne: Das Baukindergeld wurde eingeführt, das Kindergeld erhöht, der steuerliche Kinderfreibetrag angehoben. Das Gute-Kita-Gesetz ist erst vor kurzem vom Kabinett beschlossen worden, genauso die Brückenteilzeit. Ein bunter Strauß. Was all diese Maßnahmen bringen, ob sie wirklich zu mehr Kindern führen, müsste freilich eine andere Studie klären.

          Annina T. Hering: Kinder – oder nicht? Geburten in Deutschland im Spannungsfeld unsicherer Partnerschaften und prekärer Beschäftigung. Campus Verlag, Frankfurt 2018. 269 S., 39,90

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nur Verlierer: Taugt die neue Grundsteuer-Reform überhaupt?

          Mehrbelastung : Die neue Grundsteuer schafft viele Verlierer

          Die Reform der Grundsteuer hat zum Ziel, die Steuerzahler zukünftig nicht mehr zu belasten. Doch selbst wenn die Städte den Hebesatz anpassen, zahlen manche mehr.
          Rechnet sich die Bundesregierung den Haushalt schön?

          Vor Kabinettsbeschluss : FDP kritisiert unehrlichen Bundeshaushalt

          Am Mittwoch will das Kabinett den Bundeshaushalt für das kommende Jahr absegnen. Die Industrie ist unzufrieden mit den Plänen und fordert mehr Investitionen. Die FDP sieht dagegen Rechentricks und geplatzte Träume.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.