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Nachdenken über Kriegsziele : Gute Arbeiterbewegung gegen bösen Imperialismus

  • -Aktualisiert am

Sozialist Im Exil: Willy Brandt in Norwegen Bild: SZ Photo

Nicht gefeit gegen Irrtümer: Der junge Willy Brandt und sein Weg zum Frieden

          Am 8. April 1940 fand Willy Brandt ein Vorabexemplar seiner politischen Abhandlung „Die Kriegsziele der Großmächte und das neue Europa“ auf seinem Schreibtisch in Oslo. Nur einen Tag später, als sie an den Buchhandel hätte ausgeliefert werden sollen, überfiel die deutsche Wehrmacht Norwegen. Die Gestapo beschlagnahmte das Buch des Exilanten, den die Nationalsozialisten 1938 aus Deutschland ausgebürgert hatten; nur wenige Exemplare entgingen der Vernichtung. Einhart Lorenz, einer der besten Kenner der Exiljahre Brandts, hat die Schrift erstmals vollständig vom Norwegischen ins Deutsche übertragen und ihr eine sehr knappe Einleitung vorangestellt.

          Brandt verstand sein Buch als einen Beitrag zur Diskussion über die sozialistischen Friedensziele, die damals auch in der Arbeiterbewegung Oslos, in der er sich seit 1937 engagierte, geführt wurde. Auch wenn er zugab, dass Deutschland den „neuen Großkrieg“ entfesselt habe, blieb er doch gefangen in den Denkkategorien der Arbeiterbewegung und sah die „imperialistische Politik aller großen Staaten“ als die „eigentliche Ursache des Krieges“, den er als Neuauflage des Ersten Weltkriegs interpretierte.

          Für Brandt war im jetzigen Konflikt nicht der Gegensatz zwischen Demokratien und Diktaturen konstitutiv, sondern der zwischen „Großkapital“, „Diktatur“ und „Imperialismus“ auf der einen und der Arbeiterbewegung, die für Freiheit, Demokratie und historischen Fortschritt stand, auf der anderen Seite. Ihr, so mutmaßten damals viele innerhalb der internationalen Arbeiterbewegung, werde nach dem Krieg die Aufgabe des Neuaufbaus zufallen. Brandt, der in seinen jungen Jahren zu einer Glorifizierung der Sowjetunion geneigt hatte, erkannte allerdings, dass der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts im August 1939 den Sozialismus diskreditierte, und fürchtete, dass die Westmächte versuchen würden, „den Kreuzzug gegen den Osten mit einem Vernichtungskrieg gegen die Arbeiteremanzipation zu verbinden“. Als Sekretär der Norsk Folkehjelp verurteilte er den Überfall der Sowjetunion auf Finnland aufs schärfste.

          In seiner aus der Lektüre von ausländischen Zeitungen und Parlamentsberichten gewonnenen Analyse der Kriegs- und Friedensziele der europäischen Staaten und Arbeiterparteien richtete er den Fokus vor allem auf die Labour Party, die das deutsche Selbstbestimmungsrecht anerkannte, sich nicht für einen „Rache“-, sondern einen „gerechten Frieden“ einsetzte, der nicht wie der Versailler Vertrag die Saat für einen neuen Krieg legen sollte. Seine Ablehnung eines Gewaltfriedens erwuchs nicht zuletzt auch aus seiner immer wieder vorgetragenen Überzeugung, dass Deutschland nicht mit dem Nationalsozialismus gleichgesetzt werden könne, Hitler nicht Deutschland sei. Er plädierte zwar für eine Entmachtung der preußischen Großgrundbesitzer und des Militärs, lehnte aber eine Zerstückelung Deutschlands, Annexionen und erdrückende Entschädigungsleistungen entschieden ab.

          Brandt machte sich den Grundsatz des Labour-Chefs, Clement Attlee, „Europa muss sich zusammenschließen, oder es wird sterben“ zu eigen. Mochte auch der Internationalismus der Arbeiterbewegung dem „Hexentanz von Nationalismus“ nicht standgehalten haben, so blieb dort doch der „Gedanke an die Vereinigten Staaten von Europa“ virulent. Brandt warnte allerdings davor, die Europa-Idee zu einer „Zauberformel“ verkommen zu lassen, derer sich auch die Konservativen bedienen konnten. Als Advokat der norwegischen und internationalen Arbeiterbewegung insistierte er darauf, dass sich in einem zukünftigen Europa die „Gesellschaften von kapitalistischer Profitherrschaft befreien und zu gesellschaftlicher Planwirtschaft übergehen“ müssten. Ein demokratisches Europa musste, wie er unter Berufung auf den englischen Schriftsteller und Historiker H. G. Wells feststellte, auch das „Anrecht jedes Menschen auf Nahrung, Behausung, Bekleidung, ärztliche Hilfe, Ausbildung, Arbeit und wirtschaftliche Sicherheit“ garantieren.

          Der zu diesem Zeitpunkt erst 26 Jahre alte Brandt, dem das Schreiben von Zeitungsartikeln im norwegischen Exil zum Broterwerb diente, trat mit diesem Erstlingswerk als ein Politiker an die Öffentlichkeit, der die Friedenszieldiskussion in der internationalen Arbeiterbewegung in den Blick rücken und zugleich Einfluss auf sie nehmen wollte. Dass Deutschland keinem „Karthago-Frieden“ unterworfen werden dürfe, dass es vielmehr gleichberechtigt in eine zukünftige europäische föderative Union integriert werden müsse, war einer seiner Leitgedanken, den er nach 1945 mit dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher teilen sollte. Mit diesem war er sich – trotz aller vorhandenen Differenzen – zunächst auch einig, dass ein zukünftiges Europa nur ein sozialistisches sein konnte. Seine ideelle Prägung durch die Arbeiterbewegung verstellte ihm freilich den Blick dafür, dass sich der Zweite Weltkrieg nicht in den Kategorien imperialistischen Machtstrebens interpretieren ließ. Hitlers Eroberungsprogramm und der Vernichtungskrieg im Osten lagen noch außerhalb seiner Vorstellungskraft.

          Willy Brandt: Die Kriegsziele der Großmächte und das neue Europa. Hrsg., übersetzt und eingeleitet von Einhart Lorenz. Willy-Brandt-Dokumente 4. Verlag J.H.W. Dietz, Bonn 2018. 148 S., 18,– .

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