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Mustafa Kemal Atatürk : Hitlers leuchtender Stern

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Botschafter Saffet Arikan (Links) in Tempelhof im August 1942 Bild: Harvard University Press

Die deutsche Rechte war nach dem Abschluss des Versailler Vertrags, der die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg festgeschrieben hatte, von einem wahren Türkenfieber erfasst. Der türkische Befreiungskampf diente der noch winzigen Nazipartei in ihrer Gründungsphase als Leitbild.

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          In den Morgenstunden des 30. Oktober 1933 marschierten in der Berliner Tiergartenstraße mehr als einhundert SA-Leute auf und bildeten eine Ehrenformation vor der türkischen Botschaft, wo sie trotz des Regens bis Mitternacht blieben. Im Laufe des Tages gaben sich nationalsozialistische Größen hier die Klinke in die Hand. Die Gattin des Botschafters erhielt ein Blumengebinde mit Hakenkreuz und Halbmond. Später waren einige SA-Leute derart betrunken, dass sie abgezogen werden mussten. Anlass des Spektakels war der zehnte Jahrestag der türkischen Republik. Zwar entspricht es durchaus den Gepflogenheiten, solche Jubiläen diplomatisch abzufeiern. Hier aber gratulierte eine politische Bewegung einer anderen, die nationalsozialistische der kemalistischen. Stefan Ihrig schildert die Szene in seiner ursprünglich als Dissertation in Cambridge verfassten Studie über Atatürk in der Vorstellungswelt der Nationalsozialisten.

          Man durfte bislang gewiss davon ausgehen, dass Italiens „Duce“ Benito Mussolini ein Vorbild für Hitler war. Man denke nur an das aussagekräftige Posing des Diktators für seinen Fotografen Heinrich Hoffmann. Dass aber auch der türkische Staatschef ein Rollenmodell - so nennt es der Autor - darstellte, dürfte selbst vielen Experten unbekannt gewesen sein. Umso interessanter, wie viele Belege Ihrig hierfür gefunden hat.

          Die deutsche Rechte war nach dem Abschluss des Versailler Vertrags, der die deutsche Schuld am Ersten Weltkrieg festgeschrieben hatte, von einem wahren Türkenfieber erfasst. Schienen doch die Türken als einzige der von den Pariser Vorortverträgen betroffenen Nationen willens, eine Revision der ihnen auferlegten Bedingungen mit Gewalt herbeizuführen. Der türkische Befreiungskampf diente den nationalistischen Parteien in Deutschland - und hier insbesondere der noch winzigen Nazipartei in ihrer Gründungsphase - als Leitbild. Voller Sehnsucht blickten sie zum Bosporus, wo einst der kranke Mann der europäischen Politik gelegen hatte und nun mit Mustafa Kemal Atatürk ein starker Mann die Politik bestimmte. Man wünschte sich auch für Berlin „deutsche Mustafas“, keine „Erfüllungspolitiker“. Ihrig hat die gesamte deutsche Rechtspresse der frühen Weimarer Zeit durchgesehen und zeigt, dass im „Kampf gegen Versailles“ das türkische Vorbild dem italienischen eindeutig voranging. Mussolinis Faschisten kamen erst 1922 ins Blickfeld. Nach dem Abschluss des Vertrags von Lausanne 1923 und nachdem sich am 9. November 1923 keine „Ankara-Regierung in Bayern“ hatte etablieren lassen, ließ die Türkei-Begeisterung dann nach.

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