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Mord an Siegfried Buback : Dokument enttäuschter Hoffnung

Die Leichen von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seinem Fahrer liegen nach den Todesschüssen am 07. April 1977 am Tatort in Karlsruhe. Bild: dpa

Der Sohn des RAF-Opfers rechnet mit der Justiz ab.

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          Der 6. Juli 2012 war für Michael Buback, den Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, ein besonderer Tag: Das Stuttgarter Oberlandesgericht verurteilte damals die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker wegen psychischer Beihilfe zum Buback-Mord zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe. Mit dem Urteil war nach mehr als 90 Verhandlungstagen und 165 Zeugenvernehmungen die Aufarbeitung des Anschlags strafrechtlich abgeschlossen, die Michael Buback 2008 mit seinem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ ins Rollen gebracht hatte. Das Gericht folgte wesentlichen Behauptungen des Nebenklägers jedoch nicht, wonach Verena Becker die Todesschützin auf dem Suzuki-Motorrad gewesen sein soll. Dies sei – so Michael Buback – nur deshalb politisch und von der Bundesanwaltschaft nicht aufgearbeitet worden, weil Becker später Zuträgerin des Verfassungsschutzes gewesen sei und der Staat bis heute „eine schützende Hand“ über ihr ausbreite. Die Hoffnung Bubacks, die 1989 begnadigte RAF-Terroristin könnte zu einer weiteren langjährigen Haftstrafe verurteilt werden, erfüllte sich nicht. Immerhin bestätigte das Gericht die nicht zu unterschätzende Rolle Verena Beckers bei der Vorbereitung des Anschlags, und die Bundesanwaltschaft zeigte öffentlichkeitswirksam ihr Bemühen, die RAF-Verbrechen aufzuklären.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Michael Buback will sich damit auch zehn Jahre nach dem spektakulären Prozessauftakt nicht zufriedengeben. Er bleibt bei seinen Thesen und stellte sie 2017 sogar in einem langen Interview mit dem Israel-Hasser und rechtspopulistischen Radiomoderator Ken Jebsen vor. Jetzt hat er gemeinsam mit seiner Ehefrau auf fast 400 Seiten seine Recherchen und das Prozessgeschehen noch einmal zusammengefasst. „Der Prozess nahm für mich das Bild einer Fratze an, ein Bild mit vertauschten Rollen. Als wahrer Angeklagter galt wohl mein Mann. Die hohen Juristen sahen in ihm anscheinend einen Gegner, von dem sie sich angegriffen fühlten“, schreibt Elisabeth Buback über den Beginn des Prozesses. Und nach der Urteilsverkündung resümiert sie verbittert: „Die Verknüpfung von scheinbarer Bestrafung mit tatsächlicher Freiheit für Verena Becker war – juristisch gesehen – genial. Und wieder wurde mir bewusst, welche Kraft wir auf einen Prozess verwendet hatten, dessen Ausgang möglicherweise schon an seinem Beginn feststand.“ Diese Unterstellung zeigt zumindest, wie wenig dieser Strafprozess zur Aufarbeitung der RAF-Verbrechen 35 Jahre nach den Taten beitragen konnte.

          Das Problem des Prozesses ist auch das des Buches: Der Chemieprofessor verweist auf viele, teils von ihm selbst recherchierte Nachlässigkeiten oder – aus heutiger Sicht – vielleicht auch Fehler der damaligen Ermittler und versucht, das Tatgeschehen zu rekonstruieren. Er zeichnet noch einmal nach, warum nur „die Sola“, wie der Deckname Verena Beckers in der RAF lautete, die Todesschützin auf dem Motorrad gewesen sein könne und nicht die wegen Mittäterschaft verurteilten RAF-Mitglieder Knut Folkerts, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Ein solches Vorgehen ist eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn die Rekonstruktion des Tatgeschehens durch private Studien ist etwas grundsätzlich anderes als die Beweisaufnahme in einem Strafverfahren. Eine vollständige Aufklärung, zu der die früheren Protagonisten der RAF durch ihre permanente Aussageverweigerung immer noch nichts beitragen, ist so gut wie aussichtslos. Nach Darstellung der Verteidiger hielt sich die Terroristin zur Tatzeit nicht in der Karlsruher Innenstadt, sondern im Nahen Osten auf.

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