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Modernes Antiquariat : Wir Zauberlehrlinge

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In ihm steckt Anders Bild: dpa

Durch seine zweibändige Essaysammlung „Antiquiertheit des Menschen“ aus den Jahren 1956 und 1980 wurde Günther Anders zum „Propheten der Apokalypse“ und zum frühen Kritiker einer technokratischen Globalisierung, die damals noch keiner so nannte.

          Vor mehr als dreißig Jahren erschien der zweite Band von Günther Anders Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“. Anders hatte schon mit dem ersten Band von 1956 Aufsehen erregt als radikaler Moralist im Atomzeitalter. Mit beiden Essaysammlungen profilierte er sich als militanter Kritiker einer technokratischen Zivilisation und wurde zum Verfechter einer kulturkritischen Haltung, die später als deutsche „Angst“ in den internationalen Sprachgebrauch Eingang fand. Anders, der Anfang der 1920er Jahre bei Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Edmund Husserl studiert hatte, wurde damit zum Ideengeber und Mitbegründer der Anti-Atombewegung. Er starb 1992 in Wien.

          In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschien 1981 über den zweiten Band von „Die Antiquiertheit des Menschen“ die folgende Rezension von Michael Schwarze:

          In modernen industriellen Großbetrieben verrichten computergesteuerte Roboter präziseste Qualitätsarbeit. Die Roboter sind unter sich. Fällt einer aus, wird er von einem anderen repariert, neu programmiert und ans Band zurückgeschickt. Dies nennt man sinnigerweise resozialisieren. Besucher japanischer Autofabriken berichten verwirrt, sie seien in den riesigen Hallen lange umhergeirrt, ehe sie auch einen bemannten Arbeitsplatz gefunden hätten. Dieser Tage waren zwei Fotos zu sehen. Ein zeitgemäßes aus Japan, auf dem die Greifarme der Roboter hurtig ihre Arbeit verrichteten, und ein unzeitgemäßes aus einer deutschen Motorradfabrik, wo Menschen die Endmontage besorgten. Im Text hieß es dazu lakonisch, die Menschenarbeit erreiche nicht die Perfektion der Geräte. Jedenfalls scheint hier dem Verlangen nach der Humanisierung der Arbeitsplätze auf groteske Weise entsprochen zu werden. An den Bändern muß der Mensch nicht mehr arbeiten, nein, eigentlich darf er es nicht mehr, er ist nicht konkurrenzfähig. Der Mensch, er irrt, solang er lebt, hieß es. Die Technokraten haben daraus rigide Schlußfolgerungen gezogen. Sie haben den Menschen ersetzt, ihn zum Wärter der Geräte degradiert und dies mit solch ökonomischem Erfolg, daß für Sentimentalitäten kein Raum mehr bleibt. „Wir müssen konkurrenzfähig bleiben“, heißt es denn auch hierzulande. Wir oder unsere Roboter?


          In seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ zitiert Günther Anders Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“, die Geschichte jenes Famulus, der der Geister, die er rief, nicht mehr Herr wird. Dort freilich kommt der Meister seinem ungetreuen Schüler im letzten Moment mit der Rückverwandlungsformel zu Hilfe, „sei's gewesen“, sagt er. Ein glückliches Ende, auf das, so warnt Anders, „wir Heutigen nicht zählen dürfen“. Tatsächlich ist ein „sei's gewesen“ nicht zu prognostizieren. Von dem Vermögen des Menschen zur Willensbekundung ist verräterisch wenig die Rede, von Sachzwängen um so mehr. Wo alles mit allem global verflochten ist, hat das skrupulöse Subjekt ausgespielt, die Objekte, scheinbar beherrscht, sind die Herrschenden, wer sich der Last der Tradition, die ja auch die Bürde einer anachronistischen Moral ist, nicht entledigt, bleibt auf der Strecke. Resignierend allenfalls oder das Unvermeidliche ins Emphatische wendend, wird die Entbehrlichmachung des Menschen betrieben, Kulturkritik, wie Anders sie betreibt, kann auf lethargischen Beifall hoffen. So ist es, mag ihm eingeräumt werden, aber wer soll es ändern? So übel leben wir Zauberlehrlinge in unserem goldenen Käfig schließlich nicht - fürs erste jedenfalls.

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