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Modernes Antiquariat : Pop-Ikone und Apokalyptiker

  • Aktualisiert am

Ein Tod, der die Legendenbildung leicht macht: Usama Bin Ladin Bild: dpa

Eine umfassende Biographie über Usama Bin Ladin erschien 2008. Sie wollte den Terroristen weder dämonisieren noch mystifizieren - und vermutete ganz richtig, wo er zu fassen ist.

          3 Min.

          Persönlich getroffen hat er Usama Bin Ladin nie. Dennoch legte Steve Coll 2008 die bis dahin umfassendste Biographie des Terroristen vor, die derzeit noch immer auf dem Markt ist. Die Besprechung des Buches von Alexander Görlach erschien am 1. Oktober 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - noch zu Zeiten, als George W. Bush Präsident der Vereinigten Staaten war:

          Steve Coll hat jahrelang das Leben des berüchtigtsten Menschen der Welt erforscht: Mit einem Gastvisum hat er Saudi-Arabien besucht. Er hat in der Stadt Dschidda, in der Bin Ladin gelebt hat, Informationen zusammengetragen, mit Menschen gesprochen, die ihn kennen, und schließlich auch Zugang zur Familie Bin Ladin erhalten.

          Der zweifache Pulitzerpreisgewinner präsentiert den Al-Qaida-Anführer als gewöhnlichen Menschen, nicht als Dämon und nicht als Fleischwerdung des Bösen. Steve Coll beschreibt Usama Bin Ladin unter anderem als Kämpfer in Afghanistan. Er, der Spross einer noblen Familie, wird von Familienmitgliedern im Kampf finanziell unterstützt, einige besuchen ihn am Hindukusch. Nach seiner Rückkehr aus dem Guerrillakampf ist er, wie viele andere junge Krieger auch, in seiner Heimat ein gefeierter Held. Mit dem Rückhalt seiner Bewunderer beginnt er, das saudische Königshaus zu kritisieren. Maßvoll, aber dennoch über Gebühr dessen, was das politische System seinerzeit an Freiheiten zugelassen hat. Sein Hauptkritikpunkt ist die Kooperation des Herrscherhauses mit den Vereinigten Staaten von Amerika. Durch seine andauernde Kritik fällt er bei den Saudis in Ungnade, sein Vermögen wird eingefroren, er verliert die Staatsbürgerschaft.

          Diese Ereignisse sind es schließlich, so Coll, durch die Usama Bin Ladin sich radikalisiert: Aus seiner abwägenden Kritik wird ungezügelte Ablehnung. Den Einfluss westlicher Mächte, in denen er die Feinde des Islam erkennt, auf die islamische Welt, will er mit allen Mitteln brechen. Der geistliche Fokus von Bin Ladins Äußerungen liegt fortan auf der inneren Reinigung der muslimischen Gemeinschaft, zu deren Anmahnung er sich berufen fühlt. Doch diese Rolle fällt ihm eher zu, als dass er sie aktiv gesucht hat.

          Der junge Kämpfer ordnet sich nicht seiner Familie und ihrem Einfluss unter - wie seine Geschwister und Anverwandten. Das macht ihn nach Coll zu einer Pop-Ikone unter muslimischen Jugendlichen - bis heute: Bin Ladin ist nicht der beste Theoretiker einer islamischen Gesellschaftsordnung. Aber er gilt als der ehrlichste Verfechter einer islamischen Utopie. Er hat den Reichtum seiner Familie hinter sich gelassen, um den Weg des Islam zu gehen. Das trägt ihm Respekt ein, deshalb hört man darauf, was er zu sagen hat. Bin Ladin kam, wie ein Al-Dschazira-Reporter, per Videobotschaft in die Wohnzimmer der islamischen Welt. Dabei war er kritischer, als das ein normaler Journalist in den jeweiligen Ländern je könnte. Auch das brachte und bringt ihm den Respekt ein, der den Menschen im Westen so schwer verständlich ist.

          Dort kennt man nur den Teil seiner Botschaften, die um seine apokalyptische Weltsicht kreisen: Am Ende der Zeit kommt es nach der Vorstellung der islamistischen Ideologie zu einem Showdown zwischen den Kräften des Islam und denen des Unglaubens. Der Islam wird daraus als Sieger hervorgehen. Bin Ladin, so Coll, nimmt mit Wohlwollen wahr, dass auch sein Widersacher, personifiziert in George W. Bush, die Terminologie „großer Krieg“ für die Auseinandersetzung mit Al Qaida gebraucht.

          Coll schreibt Usama Bin Ladin einen zurückhaltenden Charakter zu, ein Mann, der bescheiden und nicht aufbrausend ist. Und er deckt in seiner Biographie auch die Schwachstellen des Top-Terroristen auf: Er gerate immer dann außer sich, wenn er nach den vielen zivilen Opfern muslimischen Glaubens gefragt wird, die sein Dschihad bislang gefordert hat, sei es am 11. September 2001, sei es irgendwo sonst auf der Welt. Dann gebe er unklare Antworten, gerate ins Stottern. Über nichtmuslimische Opfer sehe der abgebrühte Ideologe jedoch knallhart hinweg.

          Sollte Bin Ladin gefasst werden, wird die Organisation - also die von ihm in den Medien geschickt propagierte „Marke“ Al Qaida - weiterbestehen, meint Coll. Irgendwo entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze vermutet er den Ex-Saudi.

          Steve Coll: Die Bin Ladens. Eine arabische Familie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008. 736 Seite, 24,95 Euro.

          Im Antiquariat wird die englische Originalfassung des Buchs ab 10 Euro angeboten.

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