https://www.faz.net/-gpf-9xjsj

Mitmachen erwünscht? : Unterschiede zwischen West und Ost

  • -Aktualisiert am

Strichliste zur Beteiligung an der Bundestagswahl 2013 in Wernigerode. Bild: dpa

Engagement gehört zur Demokratie. Aber es gibt auch Menschen, die meinen, bevor jemand AfD wählt, solle der oder die lieber am Wahltag zu Hause bleiben.

          4 Min.

          Kurz vor der Bundestagswahl 2017 erklärte der damalige Kanzleramtsminister Peter Altmaier auf Nachfrage, ein Nichtwähler sei besser als ein AfD-Wähler. Diese Äußerung stieß nicht nur bei der AfD auf heftige Kritik, sondern auch bei anderen Parteien, weil sie so klang, als rede der CDU-Politiker politischer Apathie das Wort. Schließlich sei Partizipation ein wesentliches Element des demokratischen Verfassungsstaates.

          Wie ist es mit der Partizipation in Deutschland bestellt, fast 30 Jahre nach der Einheit? Eine Untersuchung im Auftrag des Arbeitsstabes für die neuen Bundesländer im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unter der Ägide des bekannten Hallenser Politikwissenschaftlers Everhard Holtmann, von dem knapp ein Drittel des Textes stammt, nimmt diese Frage ins Visier. Im Vordergrund stehen mögliche unterschiedliche Einstellungs- und Verhaltensmuster zwischen den neuen und den alten Bundesländern.

          Eingangs heißt es, die Bundestagswahl 2017 belege ein deutlicher gespaltenes Ost-West-Wahlverhalten als zuvor. Mit Blick auf die AfD stimmt dies – sie erreichte 21,9 Prozent im Osten (2013: 5,8 Prozent) und 10,7 Prozent im Westen (2013: 4,4 Prozent), nicht jedoch mit Blick auf Die Linke – diese verlor in ihrer Hochburg 4,9 Prozentpunkte, konnte sich im Westen, nach wie vor notorisch schwach, aber um 1,8 Punkte steigern. Gleichwohl ist sie weiterhin stärker eine Ostpartei als die AfD. Auch die These, ostdeutsche Männer unterschieden sich in ihrem Wahlverhalten wesentlich stärker von westdeutschen als ostdeutsche Frauen von westdeutschen, stimmt in dieser Pauschalität nicht, wie die repräsentative Wahlstatistik erhellt. 27,6 Prozent der ostdeutschen Männer votierten für die AfD (und 13,9 Prozent der westdeutschen), hingegen 16,5 Prozent der ostdeutschen Frauen (und 7,6 Prozent der westdeutschen). Und bei der Partei Die Linke fällt die Differenz für die Frauen (Ost: 18,1 Prozent; West: 6,8 Prozent) erst recht größer aus als für die Männer (Ost: 17,5 Prozent; West: 8,0 Prozent).

          Nach Holtmann, und nicht nur nach ihm, fördert die deutlich schwächere Parteiidentifikation im Osten das höhere Ausmaß an Volatilität, ebenso die größere Protestbereitschaft. Der Autor erwähnt die neue Konfliktlinie zwischen „Kosmopoliten“, die sich als Weltbürger verstehen, und „Kommunitaristen“, denen das hohe Maß an Zuwanderung als „Eingriff in gewohnte Lebensformen“ erscheint. Das gilt mehr für Ost- als für Westdeutschland.

          In mehreren Beiträgen ist von einem „doppelten Transformationsschock“ die Rede: zum einen bezogen auf die „Wende“ 1989/90, zum andern auf die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/09, jeweils mit ihren Folgen. Das Vertrauen in die Politik ließ für den ostdeutschen Bürger, der an einen intervenierenden Staat gewöhnt war, dadurch massiv nach, wenngleich es sich durch wohlfahrtsstaatliche Ausgaben zunächst noch auffangen ließ. Erst der massive Zuzug von Flüchtlingen löste heftige Abwehrreflexe aus und schürte Ängste vor dem Fremden ebenso wie Ängste vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, im Osten mehr als im Westen. Soziokulturelle und sozioökonomische Faktoren begünstigten den Protest gleichermaßen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hat schon sein halbes Leben in der Politik verbracht: Konstantin Kuhle

          Nachwuchspolitiker : Ein Talent läuft sich warm

          Konstantin Kuhle wollte so sehr in die Politik, dass er tat, was manche Jugendlichen nur machen, um den ersten Alkohol ihres Lebens zu kaufen: Er fälschte sein Alter. Porträt eines Nachwuchspolitikers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.