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Minderheit der Minderheit : Eine Provokation auf zwei Beinen?

Eine Soldatin der Fregatte „Schleswig-Holstein“ verteilt Decken an Flüchtlinge Bild: dpa

Mehr Ausnahme geht nicht. Erlebnisbericht einer muslimischen Bundeswehrsoldatin

          Nariman Hammouti-Reinke ist weder Gotteskriegerin noch Nazi. Sie ist ein Sonderfall. Dass dem (immer noch) so ist, sagt wenig über sie aus, dafür aber viel über das gesellschaftliche Klima und den Hang zu Vorurteilen, wie sie in Deutschland im Jahr 2019 anzutreffen sind. Hammouti-Reinke ist 39 Jahre alt, eine Frau, Berufssoldatin, muslimischen Glaubens, und ihre Eltern stammen aus Marokko. Das macht sie zur Angehörigen einer ganzen Reihe von Minderheiten. Nur jeder vierte Deutsche verfügt über ausländische Wurzeln. 5,5 Prozent der Deutschen bekennen sich zum Islam. In der Bundeswehr ist gerade einmal jeder neunte Soldat weiblich. Der Anteil der Muslime in den deutschen Streitkräften schwankt Schätzungen des Verteidigungsministeriums zufolge um ein Prozent. Systematisch erfasst werden sie nicht. Und dann zählt sie noch zu jenen 0,2 Prozent der Deutschen, die Soldaten sind und in der Bundeswehr dienen.

          Was das für ihr Selbstverständnis als Offizierin der Bundeswehr bedeutet, demonstriert die Autorin von „Ich diene Deutschland“ eindrücklich: herzlich wenig. Auf 249 Seiten liefert sie einen Beleg dafür, wie gut der Integrationsmotor Truppe bei allen Problemen der Bundeswehr auch nach vielen Jahrzehnten noch funktioniert. Dass sie für sehr viele Menschen dabei „eine Provokation auf zwei Beinen“ darstellt, schreibt Leutnant zur See Hammouti-Reinke zu Beginn, nur um den damit verbundenen Vorurteilen anschließend Stück für Stück den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dabei entlarvt sie plumpe Gleichsetzungen (Soldaten sind Nazis und Militaristen, Muslime sind Gotteskrieger und verachten den Westen) ebenso als Blödsinn wie latentere, weniger offen geäußerte Vorbehalte.

          Zugleich zeigt sie anhand ihres persönlichen Wegs in die Streitkräfte aber auch, wie unwahrscheinlich es für eine Muslima aus einer beengten Hochhauswohnung in Hannover-Linden als eines von fünf Kindern lange Zeit noch gewesen ist, den Weg zur Bundeswehr zu finden. Die nie zu Schulexkursionen mitdurfte und als Kind zur Außenseiterin abgestempelt wurde. Am Anfang stehen für sie eine Kündigung und „Pearl Harbor“. Der Hollywood-Streifen, schreibt sie, habe in ihr etwas angesprochen, was ihr gefehlt habe. „Es ging um Ehre, Kameradschaft und um hehre Ziele“. Für Politik habe sie sich noch nicht interessiert. Solche Erklärungen hört man von Rechtsextremisten ebenso wie von Islamisten, von Soldaten ebenso wie von Polzisten. Hammouti aber biegt, wie die meisten Gleichaltrigen, richtig ab. Ein Bekannter, ebenfalls Soldat, hilft ihr, den Weg zur Bewerberstelle zu finden.

          Es sind diese autobiographischen Schilderungen, die den besonderen Wert des Buches darstellen. An der Seite der Autorin erfährt der Leser, welch haarsträubenden Unzulänglichkeiten sich die Bundeswehr bei der Personalwerbung und -bindung lange erlaubt hat, auch noch in Zeiten, als die immer weiter reduzierte Wehrpflicht längst nicht mehr dazu ausreichte, den Bedarf an motivierten und qualifizierten Soldatinnen und Soldaten zu decken. Bevor sie nach erfolgreichem Bewerbungsgespräch ihren Dienst antreten kann, muss sie eine einjährige Warteschleife ziehen und damit einen Zeitraum überbrücken, in dem viele andere sich am Ende doch noch für einen anderen Beruf entscheiden.

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