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Militärische Führung : Unterst sprach zum Oberst . . .

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Der erste Dienstsitz des Verteidigungsministeriums in Bonn auf der Hardthöhe am 17. September 2010. Bild: dpa

In fünf Kapiteln rechnet Oberst a. D. Dieter E. Kilian mit den Groß-Kameraden der Bundeswehr ab. Scharfe Kritik übt er am Karrieredenken, am vorauseilenden Gehorsam, an der Dominanz ziviler Beamter und am mangelnden Sachverstand vieler Minister und Abgeordneter.

          Nicht über jedes Geschenk freut sich das Geburtstagskind. So mag es der Bundeswehr ergehen, die im Herbst sechzig Jahre alt wird. Der 1941 geborene Dieter E. Kilian, Panzeroffizier mit Generalstabsausbildung, seit 2000 im Ruhestand, früherer Kommandeur einer Heimatschutzbrigade und Verteidigungsattaché in arabischen Staaten, hat mehrere Bücher verfasst, aber noch nie so ein dickes. Auf Seite 174 seiner Jubiläumsdarstellung über „Top-Führungskräfte“ der Bundeswehr auf der politischen und der militärischen Ebene von Gründung bis in die Jetztzeit findet sich der Schlüssel zum Verständnis der enormen Fleißarbeit und Sammelwut des Autors. Er schreibt einem früheren Personalchef des Verteidigungsministeriums den weisen Satz zu: „Jeder Oberstleutnant hat seine Geschichte, warum er nicht Oberst geworden ist - und ebenso jeder Oberst, warum er es nicht zum General gebracht hat.“

          Warum Kilian es nicht zum General gebracht hat, erfährt der Leser leider nicht. Zum Trost erzählt er von Generalleutnanten und Vizeadmiralen, die den vierten goldenen Stern beziehungsweise entsprechende goldene Ärmelringe erreichten. Dabei beruft er sich auf Vier-Sterne-Durchblicker wie Günter Kießling, den er - neben Gerd Schmückle - am häufigsten für die Beurteilungsfindung heranzieht: „Niemand kann leugnen, dass es bei der Auswahl von Generalen auch Fehlentscheidungen gegeben hat; sie wird es auch künftig geben.“ Aber ja! In fünf Kapiteln - „Militärischer Kompass“, „Militärische Elite im Wandel“, „Die Führung der Bundeswehr“, „Elite in Turbulenzen“ und „Karriere nach der Bundeswehr“ - rechnet Kilian mit den Groß-Kameraden ab, bewundert auch einige wenige. Scharfe Kritik übt er am Karrieredenken, am vorauseilenden Gehorsam, an der Dominanz ziviler Beamter über den militärischen Bereich, am mangelnden Sachverstand vieler Minister und Abgeordneter, am unterentwickelten Traditionsbewusstsein (Mölders-Debatte, Rudel-Affäre), was - man lese und staune - an dem „Haufen zumeist ungedienter, links bis extrem links orientierter und bisweilen sogar auf der Lohnliste der Bundeswehr stehender Wissenschaftler und Journalisten“ liege, „der die Wehrmacht zum Inbegriff des Bösen stigmatisierte“.

          Sieht man von solchen Latrinenparolen gegen professionelle Militärhistoriker einmal ab, bietet das Buch jede Menge Atmosphärisches, Hintergründiges, Vergessenes. So weiß Kilian etwa über den früheren Generalinspekteur Wolfgang Altenburg, dass dessen familiäre Bindungen zum Militär „nur indirekter Natur“ gewesen seien: „Sein Vater war Uniformschneider.“ Von dem mit Lob bedachten Klaus Naumann zitiert er den Rat an einen Generalstabslehrgang: „Widerspruch kann es nur intern geben.“ Wie negativ sich offene Worte und Kritik auf Aufstiegschancen auswirkten, veranschaulicht Kilian an Beispielen. Für Sonntagsreden eigne sich die Forderung nach Zivilcourage (der Autor bevorzugt Militärcourage), die jedoch in der Praxis schnell als „zerstörtes Vertrauen“ hingestellt und mit „Zurruhesetzungen“ geahndet werde. Der Altoberst gibt sich am Schluss versöhnlich und empfiehlt den politischen Bendlerblock-Spitzen, „der militärischen Führungselite mit Vertrauen“ zu begegnen und sie „nicht unterschwellig als potentiellen Gegner und ausführendes Werkzeug“ zu betrachten. Eine tolle Geschenkidee!

          Dieter E. Kilian: Generale und Admirale der Bundeswehr 1955-2015. Politische und Militärische Führung. Osning Verlag, Bielefeld 2015. 668 S., 64,- €.

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