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Migration : Wissenschaftlich Flagge zeigen

  • -Aktualisiert am

Wo Migration nicht erwünscht ist: Protest an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Bild: dpa

Das Thema hat weitaus mehr Facetten als die, über die seit 2015 gesprochen wird - wie man hier sieht.

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          Seit 2015 ist Migration in Politik, Medien und Gesellschaft der Bundesrepublik wieder ein ebenso zentrales wie kontrovers diskutiertes Thema. Vier Merkmale der Diskussion sollen herausgegriffen werden. Erstens stehen die Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen und die Folgen für die Asyl- und Schutzsuchenden sowie die deutsche Gesellschaft im Mittelpunkt. Zwischen unterschiedlichen Formen von Migration wird dabei in der Regel nicht unterschieden. Zweitens zeichnet die Debatten eine starke Polarisierung aus. Einerseits wird Migration als Armutsmigration, als Einwanderung in die Sozialsysteme oder als Bedrohung der inneren und äußeren Sicherheit, also vor allem als Gefahr wahrgenommen, die es abzuwehren gilt. Im Gegensatz dazu steht die Auffassung, Zuwanderung sei ein unverzichtbares Instrument, um die Nachfrage der Wirtschaft nach Arbeitskräften zu decken sowie die Sozialsysteme und den Wohlstand des Landes sichern zu können. Die Diskurse über Migration weisen drittens eine nationale Engführung aus: Was schadet oder nutzt der deutschen Gesellschaft?

          Länder der EU, Europas und darüber hinaus sind nur dann ein Thema, wenn sie dazu dienen, den einen oder anderen Standpunkt – Gefahr oder Nutzen – zu untermauern. Der Blick über den Tellerrand könnte helfen, Ursachen für Migrationen zu erkennen und Maßstäbe zu finden, um das Migrationsgeschehen in Deutschland, Europa oder global allein schon quantitativ einordnen zu können. Schließlich charakterisiert viertens die fehlende historische Tiefenschärfe die Auseinandersetzungen. Das Hier und Heute ist der alles bestimmende Gradmesser, wenn über Migration diskutiert und gestritten wird. Selbst die jüngere Zuwanderungsgeschichte der Bundesrepublik wird ausgeblendet, von früheren Epochen ganz zu schweigen. Damit erscheint Migration als ein allein die deutsche Gegenwart bestimmendes Phänomen, das deshalb in der Gesellschaft als außergewöhnlich, vor allem als bedrohlich wahrgenommen wird.

          Vor diesem Hintergrund ist die Publikation zu sehen, die Agnes Bresselau von Bressensdorf herausgegeben hat und in die sie umsichtig einführt. Der Band geht auf eine Tagung des Instituts für Zeitgeschichte in München von Ende 2016 zurück, das damit bei diesem gesellschaftspolitisch brisanten Thema wissenschaftlich Flagge zeigt. Der Band greift die kontroversen tagesaktuellen Debatten mit dem Ziel auf, sie in längerfristige Entwicklungen einzuordnen, um so die historische Tiefendimension gegenwärtiger Migrationsfragen herausarbeiten zu können. Sein klug gewählter Titel ist ein auf den Punkt gebrachtes Programm. „Über Grenzen“ geht die Publikation in mehrfacher Hinsicht – inhaltlich, zeitlich, geographisch und methodisch – und stößt zugleich an Grenzen.

          Inhaltlich fußt der Band auf der wissenschaftlich zweifelsfreien, aber in der Öffentlichkeit noch nicht geläufigen Erkenntnis, dass Bevölkerungsbewegungen in der Geschichte nicht nur allgegenwärtige gesellschaftliche Phänomene sind, sondern diese auch in hohem Maß prägen. Migrationen sind der Normalfall und nicht die Ausnahme in der Geschichte. Sie erfolgen, ohne dass zwischen Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit klar getrennt werden könnte, immer über Grenzen – festgesetzte und angenommene, deutlich markierte oder äußerlich unsichtbare. Entsprechend dem gegenwärtigen Stand der Forschung unterscheidet der Band zwischen Wanderungsbewegungen im Allgemeinen sowie Flucht- und Gewaltmigration.

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