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Menschenschmuggel : Schattenseite der Globalisierung

  • -Aktualisiert am

Flüchtlingsboot am 5. Februar 2014 vor Lampedusa Bild: dpa

Illegales Einschleusen von Migranten nach Europa oder in die Vereinigten Staaten von Amerika ist in den vergangenen Jahren zum Milliardengeschäft geworden.

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          Bekenntnisse eines Menschenhändlers, das klingt widerlich, davon will man eigentlich nicht lesen, höchstens vielleicht in Romanform. Der Titel dieses Buches ist etwas ungenau, Sklavenhandel früher oder heute ist gar nicht das Thema. Aber ganz falsch ist er auch wiederum nicht, denn die Autoren präsentieren unter anderem eine Reihe längerer Selbstdarstellungen von Schleusern verschiedener Nationalität. Diese manchmal pittoresken „Bekenntnisse“ dienen als biographische Illustrationen der Geschäftsmethoden und Geschäftsabläufe beim Menschenschmuggel aus den ärmeren in die reicheren Regionen der Welt. Von idealistischen Motiven keine Spur.

          Das illegale Einschleusen von Migranten in Zielländer wie Europa oder Amerika ist in den vergangenen Jahren zu einem Milliardengeschäft geworden. Die Zahl der Menschen aus Asien (Schwerpunkt China), Afrika oder Mittelamerika, die in ihrem Heimatland keine Zukunft für sich sehen und zugleich hohe, oft illusionäre Erwartungen an ein Leben in den metropolitanen „Paradiesen“ hegen, steigt weiter an. Politische Verfolgung, wirtschaftlicher Druck, Kriegsgewalt oder andere Bedrohungen und humanitäre Zwangslagen - die Gründe, sich zur Auswanderung zu entschließen, sind vielfältig. Oft kommen mehrere zusammen. Weil die Möglichkeiten, in die Wunschländer legal einzuwandern, sehr beschränkt sind, nimmt ein großer Teil der Immigranten das Risiko der Illegalität auf sich. Davon profitieren die Schleuserorganisationen, von denen wir immer mal wieder mit leichtem Gruseln in der Zeitung lesen, meist ohne weitere Einzelheiten zu kennen oder kennen zu wollen.

          Hier bietet das Buch des Kriminologen Di Nicola - er lehrt an der Universität Trient - und des Journalisten und Dokumentaristen Musumeci nachdrückliche Aufklärung. Sie beleuchten das Geschäft mit den Flüchtlingen, beschreiben die hierarchisch flachen, aber weitverzweigten Netzwerke der Schleuserorganisationen und schildern die Abwehrmaßnahmen der Zielländer illegaler Immigration, die alles in allem wenig erfolgreich sind, weil es an Personal und Ressourcen fehlt.

          Es geht hier nicht um die Beurteilung der einwanderungspolitischen Grundsätze der, sagen wir es etwas pauschal, reichen Länder. Darüber gäbe es auch viel zu sagen, viel Bitteres. Die Autoren konzentrieren sich ganz auf die Aktivitäten und Arbeitsweisen der Schleuser. Wir erfahren, welche Arbeitsteilungen in ihren Organisationen existieren. Die Akquisiteure rekrutieren Einwanderungswillige vor Ort, Organisateure stellen die Reisepläne zusammen, die zuweilen recht kompliziert sein können, wenn zum Beispiel eine Gruppe Chinesen von Schanghai illegal nach Deutschland reisen will. Area- Manager „betreuen“ die Migranten auf ihrer Reise und reichen sie von Station zu Station weiter.

          Die eigentliche „Drecksarbeit“ machen dann die Kapitäne der Boote und Schiffe, auf denen die Migranten über das Meer gebracht und illegal in den Zielländern an Land gesetzt werden, oder die Ranger, die sie über unwegsame Landgrenzen schmuggeln. Die falschen Reisepapiere, Proviant, Hotelaufenthalte und Transportkosten, das müssen die Migranten vorab bezahlen, ebenso wie die im Geschäft „üblichen Tarife“. Da kommt einiges zusammen. Schleuserringe, die Flüchtlinge von Afrika nach Europa bringen, erwirtschaften jährlich ungefähr 150 Millionen US-Dollar Reingewinn. Weltweit wird er auf drei bis zehn Milliarden US-Dollar geschätzt. Menschenschmuggel ist nach dem Drogenhandel heute das einträglichste Geschäft organisierter krimineller Banden. Wie dieser richtet er riesigen volkswirtschaftlichen Schaden an und produziert eine humanitäre Katastrophe ungeahnten Ausmaßes.

          Besonders gut kennen sich die Autoren mit der Situation in Italien aus. Italien ist ein beliebter erster Zielort für illegale Immigranten, die von Nordafrika, der Türkei, Griechenland oder Albanien über das Mittelmeer nach Europa kommen wollen. Die italienischen Behörden sind, worüber uns viele deprimierende Fernsehbilder gezeigt haben, dem Andrang der Flüchtlinge nicht gewachsen, auch weil die anderen Schengen-Länder Italien dabei kaum wirksam helfen. Der Einfallsreichtum der Schleuser ist beträchtlich, so dass sie die Behörden immer wieder überlisten. Die Autoren führen dafür viele Beispiele an.

          Organisierte Schleuserkriminalität ist eine Begleiterscheinung der Globalisierung, eine ihrer unerfreulichsten. Darüber hinwegzusehen und sich nur bei besonders spektakulären menschlichen Katastrophen kurzfristig aufschrecken zu lassen, zeugt von mangelnder Empathie und mangelnder politischer Urteilskraft. Gefährlich ist es auch - für unsere Sicherheit. Denn es gibt, auch darauf weisen die Autoren hin, Querverbindungen zwischen dem Schleusergeschäft und dem internationalen Terrorismus.

          Andrea Di Nicola/ Giampaolo Musumeci: Bekenntnisse eines Menschenhändlers. Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen. Verlag Antje Kunstmann, München 2015. 206 S., 18,95 €.

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