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Mensch-Maschine : Die Angst vor dem Nichtgreifbaren

Die Kuratorin Judith Spickermann steht am 26. Oktober 2018 in der Ausstellung: "Künstliche Intelligenz und Robotik" im Heinz Nixdorf MuseumsForum vor einer Skulptur des Künstlers Muharrem Batman. Bild: dpa

Künstliche Intelligenz hat etwas Unheimliches. Verstehen schützt vor Angst.

          3 Min.

          Das, was der Mensch nicht versteht, ist seit jeher furchteinflößend, genau wie das, was er nicht kennt und nicht vorhersagen kann. Wissenschaft und Technologie haben an vielen Stellen dazu beigetragen, Anlässe existentieller Sorgen aufzulösen und rätselhafte Phänomene nicht nur verstehbar, sondern auch beherrschbar zu machen. Doch dadurch wurden die Ängste nicht weniger, sondern verlagerten sich mitunter nur in Formen der Wissenschafts- und Technologiefeindlichkeit: Die wissenschaftliche Beschreibung der Welt und die Anwendung naturwissenschaftlicher Prinzipien erscheint vielen heute fremder als die Risiken und Gefahren, die Menschen „natürlicherweise“ drohen. Dass eine technologiekritische Haltung dabei durchaus ihre Berechtigung hat, zeigt sich nirgends deutlicher als in der Bewertung der großen Technologiethemen unserer Zeit: Big Data und Künstliche Intelligenz (KI). Die Gefahr immer weiter um sich greifender digitaler Überwachung, der Fernsteuerung des Individuums durch opake algorithmische Entscheidungen, die daraus resultierende Verwundbarkeit unserer Demokratien, die katastrophalen Folgen des Computer-Hochfrequenzhandels, ethische Probleme von Bio-Engineering und Bio-Informatik oder des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz in der Kriegstechnologie, nicht zuletzt die massiven Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die durch den wachsenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz bevorstehen – all dies sind Themen, die zu Recht Angst einflößen und die wir heute gar nicht genug diskutieren können, wenn wir sicherstellen wollen, dass der Einsatz neuer Technologien menschlich bleibt.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Damit eine solche kritische Diskussion dieses vielfältigen Themenfeldes erfolgen kann, damit insbesondere Gefahren zutreffend eingeschätzt und Handlungsoptionen abgewogen werden können, sind Überblick und Sachkenntnis notwendig. Nur dann können begründete von unbegründeten Ängsten unterschieden werden, und nur dann kann der unbestreitbare Nutzen dieser Technologien den Risiken gegenübergestellt werden. Im Fall der KI wird diese Herangehensweise allerdings besonders dadurch erschwert, dass sich an ihr langfristige Spekulationen entzünden, die in ihrer bisherigen Vagheit zu irrationalen Ängsten einladen: künftige Superintelligenzen, klüger als Menschen und mit Bewusstsein ausgestattet. Cyborgs und Nanobots, die durch Wurmlöcher reisen oder gleich die Lichtgeschwindigkeit überwinden. Diese durch die gegenwärtigen Naturwissenschaften nicht nahegelegten Spekulationen, deren Wahrscheinlichkeit im Kern von Antworten auf philosophische Fragen abhängt (Was ist Intelligenz? Was ist Bewusstsein? Liefern unsere Naturwissenschaften ein vollständiges Bild des Menschen?), erfordern neben Überblick und Sachkenntnis außerdem philosophisch-konzeptionelle Klarheit: Was sind Prämissen dieser Gedankenspiele, und inwiefern sind diese Prämissen durch Gegenwärtiges gedeckt?

          Diese notwendige konzeptionelle Klarheit, genau wie tiefer gehende Kenntnis der relevanten Technologien, findet sich leider nicht im Buch von Jürgen Bruhn. In vier Kapiteln versammelt der Politikwissenschaftler eine bunte Mischung von Gedanken, mehr oder weniger belegten Thesen, Ängsten und Fragen zum breiten Spektrum digitaler Zukunftsthemen, die sich in der unheilvollen Ahnung verdichten, dass wir – nach Ansicht von Autoren wie Ray Kurzweil, Jürgen Schmidhuber, Hans Moravec oder Marvin Minsky – bald (das magische Datum ist 2045) in einer dystopischen Welt leben werden, in der der Mensch im Angesicht von Nanobots und Super-KI nichts mehr zu sagen haben wird. Diese menschenfeindliche Zukunft werde schon heute von der weltweit operierenden „Techno-Elite“ in die Wege geleitet: „Sie wollen aus den biologischen Menschen künstliche Wesen machen und schließlich künstliches Leben im Universum schaffen.“ Dabei schrecken „sie“ – so erfährt der Leser – in einer Art Techno-Weltverschwörung nicht einmal davor zurück, die Öffentlichkeit mit Hollywood-Filmen wie „Interstellar“ mit ihren Visionen zu infiltrieren. Bruhn wird hier freilich zum Komplizen, denn auch wenn er gelegentlich andere damit zitiert, die Visionen von Kurzweil, Schmidhuber et al. seien umstritten und unseriös, gibt er deren Dystopien fast durchgehend im vorhersagenden Futur wieder, als wäre unsere Zukunft bereits entschieden.

          Das einzig wirklich Amüsierende an diesem in seiner kritischen Grundintuition eigentlich löblichen Buch ist die Tatsache, dass es sich liest, als wäre es selbst von einer KI geschrieben, die mit einer Handvoll populärwissenschaftlicher Bücher, Zeitungsartikeln der vergangenen Jahre und Wikipedia gefüttert wurde: Die amerikanische Firma Open AI hatte Anfang des Jahres eine Beta-Version eines Textproduktionsalgorithmus im Netz veröffentlicht, der ähnlich assoziative und redundante Texte produzieren kann. Wie die Diskussion um mögliche starke, menschenähnliche KI und die damit verbundenen ethischen Herausforderungen differenzierter abgebildet werden kann, zeigt indes ein anderes Buch, das ebenfalls Anfang des Jahres, allerdings bislang nur auf Englisch, erschienen ist: Der Technologie-Beobachter John Brockman hat für sein Buch „Possible Minds: 25 Ways of Looking at AI“ prominente Autoren aus Wissenschaft, Philosophie und Kultur um Einschätzungen unserer KI-dominierten Zukunft gebeten: Daniel Dennett, Stephen Wolfram, Rodney Brooks, George Dyson, Stephen Pinker, Frank Wilczek und andere kommen hier zu Wort. Herausgekommen ist eine heterogene Aufsatzsammlung, die viele bedenkenswerte Argumente versammelt und vor allem zeigt: KI gibt Anlass zu Utopien wie zu Dystopien, wir sollten uns aber keinesfalls von unreflektierten Ängsten und Verschwörungstheorien lähmen lassen.

          Sibylle Anderl

          Jürgen Bruhn: KI. Schlägt die Maschine den Menschen?

          Tectum Verlag, Baden-Baden 2019. 161 S., 19,– .

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