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Memoiren : In positivem Geist

Theo Waigel und sein ewiger Widersacher Edmund Stoiber, aufgenommen 1998 Bild: SVEN SIMON

Theo Waigel erinnert sich. Grundthema ist die Ehrlichkeit. Aber Erinnerungen sind eben immer subjektiv.

          Der frühere CSU-Vorsitzende und Bundesfinanzminister Theo Waigel hat unter dem Titel „Ehrlichkeit ist eine Währung“ seine Erinnerungen vorgelegt. Wer ein so unwahrscheinliches Leben hatte wie er – vom Bauernbuben aus einem schwäbischen Dorf zu einem der prägenden deutschen Politiker der Nachkriegszeit –, dessen Autobiographie kann eigentlich gar nicht langweilig sein. Ist sie auch nicht. Die Leser werden vielmehr Zeugen der Weltgeschichte: als Waigel 1990 mit dem stellvertretenden Ministerratsvorsitzenden der Sowjetunion, Stepan Sitarjan, um den Preis der deutschen Einheit feilscht; als er mit Helmut Kohl und Boris Jelzin beim Angeln die deutsch-russischen Beziehungen festigt; als er 1995 auf dem europäischen Gipfel in Madrid seine Idee für die Bezeichnung der geplanten Gemeinschaftswährung präsentiert: Euro.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Waigel ist ein guter Erzähler, der nicht zuletzt die Pointen der Wirklichkeit erkennt und wiederzugeben weiß; nach seinen Angaben hat er das Material für das Buch diktiert, eine Mitarbeiterin seines Büros hat es in Schriftform gebracht. Er hat aber auch einen Sinn fürs Tragische und Tieftraurige. Der eindrücklichste Teil des Buches ist der Anfang, wenn Waigel, Jahrgang 1939, von seiner schweren Kindheit erzählt, vor allem vom bitteren Verlust des Bruders, der 1944 in Lothringen fiel. Dass das die Urerfahrung war, aus der sich alles weitere, zumal die entschieden europafreundliche Politik ergab, kann man anhand des Buches sofort nachvollziehen.

          Ausführlich dokumentiert Waigel die Feldpostbriefe, die sein Bruder von der Front nach Hause geschickt hat. Das ist berührend. Freilich lässt das Unverstellte von deren Sprache Waigels eigene Sprache manchmal etwas getragen erscheinen. Er selbst und andere sind im Buch häufig „tief bewegt“, „zutiefst bewegt“, „zutiefst aufgewühlt“, „empört“, „bestürzt“. Nichts gegen große Gefühle. Aber es hätte den Geschehnissen nichts von ihrer Eindringlichkeit genommen, hätte der Autor sie öfter einfach für sich wirken lassen.

          Angenehm am Buch ist, dass Waigel sich eine Hochschätzung des Lebensumfelds, aus dem er stammt, bewahrt hat. Seine Bodenständigkeit ist dabei nicht frei von Koketterie. Im Zusammenhang mit der Frage, wer 1993 bayrischer Ministerpräsident werden sollte, verweist er auf seine „aus der schwäbischen Mentalität geborene Auffassung, das Amt müsse zum Mann kommen und nicht der Mann zum Amt“. Das kann man bescheiden nennen, aber eben auch – wie seinerzeit der „Spiegel“ – „ehrpusselig“. Waigel hat einen guten Humor und ein Talent zur Selbstironie – manchmal nimmt er sich aber auch ziemlich ernst. Vielfach erwähnt er Philosophen und Dichter, von deren Werken er seine Politik inspiriert sieht oder mit denen er persönlichen Umgang pflegte. Es ist durchaus wohltuend zu sehen, dass es mal Politiker gab, die auch in der Literatur zu Hause waren. Waigel aber übertreibt es ein wenig: Um Heimat als „Eingebundenheit in Sein und Zeit“ zu beschreiben, muss man nicht unbedingt Heidegger bemühen.

          Das Schönste am Buch ist sein positiver, konstruktiver Geist. „Die Welt im Umbruch, das ist nichts Neues. Aber viele Menschen bejammern unsere Gegenwart, und dann muss es erlaubt sein zu fragen, ob die Zeit vor 30, 40 oder 50 Jahren besser gewesen sei.“ Es gehe darum, schreibt Waigel, „die Zeichen der Zeit richtig zu deuten und den Menschen Identität und Stabilität zu geben. Das gelingt, indem man aufzeigt, was gut ist. Der Angst vor der Zukunft etwas entgegensetzt.“ Da urteilt jemand, von dem man sich auch heute noch gerne regieren lassen würde.

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