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Meinungsforscher : Staatsauftrag Blick in die Köpfe

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Durchs Schlüsselloch geschaut Bild: dpa

Was in den Köpfen vor sich geht, geht niemanden etwas an? Von wegen! Im Ostblock galt auch das nicht.

          3 Min.

          Jeder Leser von George Orwells „1984“ bekommt eine Vorstellung davon, wie schwer es für eine Regierung ist, zu erfahren, was eine Bevölkerung denkt. Das gilt besonders für die neuartigen autoritären und totalitären Regimes die ein Merkmal des 20. Jahrhunderts waren: Was die Deutschen in der „Volksgemeinschaft“ des „Dritten Reiches“ beispielsweise über die Judenvernichtung dachten, lässt sich bis heute nur annäherungsweise eruieren. Selbst die „Meldungen“ der Gestapo-Spitzel vermitteln nur ein verzerrtes Bild der Realität. Die ernüchternde Erkenntnis lautet: Unter dem Gefühl der Bedrohung und der Angst vor der weitverbreiteten Denunziation arrangierte man sich in der Regel lieber und hielt den Mund.

          Wie aber verhält es sich mit der Bevölkerungsmeinung in den kommunistischen Diktaturen Mittel- und Osteuropas? Dies behandeln die instruktiven Beiträge des vorliegenden Sammelbands, der auch auf den Forschungen zur nationalsozialistischen Zeit aufbauen kann. Im Zentrum stehen das SED-Regime und die Berichterstattung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der DDR. In einigen – allerdings kaum kontextualisierten und daher ziemlich deplaziert wirkenden – Beiträgen werden zudem sowjetische, bulgarische, polnische und chinesische Überwachungsbehörden in den Blick genommen. Ergänzend werden manche Versuche westdeutscher Geheimdienste beleuchtet, die Stimmungslage im „zweiten deutschen Staat“ zu eruieren.

          Grundsätzlich finden sich in den Beiträgen zum SED-Regime quellenkritische Überlegungen, weil immer der Entstehungskontext der Stimmungs- und Lageberichte geklärt werden muss: Wer war der Auftraggeber, und was wurde damit bezweckt? Klärungsbedürftig ist aber auch, ob die Berichterstatter ihre Meldungen schönfärbten, um zum Beispiel mit affirmativen Nachrichten ihren Auftraggebern zu gefallen und ihre Loyalität unter Beweis zu stellen. Umgekehrt wurden unliebsame Erkenntnisse bisweilen unterdrückt, wenn MfS-Mitarbeiter beispielsweise fürchteten, in einem bestimmten Fall als „Miesmacher“ zu gelten und sich dadurch Ärger zuzuziehen. Stimmungsberichte sind insofern immer ein Konstrukt: Es bleibt auch für die kommunistischen Diktaturen ein schwieriges Geschäft, valide Aussagen zur öffentlichen Meinung zu machen.

          Die Stasi und ihre „Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe“ verfügten, wie die beiden Herausgeber in ihren jeweiligen Beiträgen zeigen, durchaus über realistische Erkenntnisse zur Stimmung im Land, beispielsweise im Krisenjahr 1956, als im Zuge der Entstalinisierungsrede Nikita Chruschtschows nach dem XX. Parteitag der KPdSU und dem Aufstand in Ungarn das SED-Regime eine besondere Notwendigkeit sah, sich über die Haltung der Bevölkerung zu informieren.

          Anfangs hatten die Berichte über den „Unsicherheitsfaktor Volk“, die in der Regel einem kleinen Kreis an der Parteispitze vorbehalten waren, eine hohe Authentizität. Aber Walter Ulbricht verbat sich 1956 für die Zukunft allzu große Offenheit, weil er nicht schwarz auf weiß lesen wollte, dass viele in der DDR-Bevölkerung ihn in eine Reihe mit Hitler und Stalin stellten. Neben dem angeblichen „Rowdytum“ der Jugend waren in den sechziger Jahren die Versorgungslage und die Preispolitik die Dauerbrenner unter den Themen, die vom MfS diskutiert und analysiert wurden.

          Die Stasi ging aber selten in eine Fehleranalyse: waren es anfangs stets „faschistische Provokateure“, die angeblich für schlechte Stimmung verantwortlich waren, so verlagerte sich die Schuld nach Ansicht des MfS in den achtziger Jahren immer stärker auf das, was man als „labile und negativ feindliche Elemente“ der sozialistischen Gesellschaftsordnung ausmachte. Grundsätzlich ist die starke Orientierung der Bevölkerung auf westliche Medien auffällig. In einem Beitrag, der sich mit der Berichterstattung auf Kreisebene beschäftigt, wird aus einem Bericht aus Halberstadt im Jahr 1972 zitiert: „Wenn in der Zeitung oder im Fernsehen der DDR irgendwelche Probleme erörtert werden, dann spricht darüber keiner. Kommt es aber im Westfernsehen, so beginnen die Diskussionen. Das kann man täglich in Gaststätten oder Verkaufsstellen feststellen.“

          Die Berichterstattung, so stereotyp sie auch sein mochte, fand erst mit dem Fall der Mauer ihr Ende. Noch Ende Oktober 1989 hieß es beispielsweise zu Egon Krenz, dem Nachfolger Erich Honeckers, dieser stoße „in beachtlichem Umfang“ auf Ablehnung.

          Umstürzende neue Erkenntnisse können und wollen die Autoren nicht präsentieren. Aber der Band gibt einen guten Überblick über das, was die kommunistischen Staaten über die Einstellungen ihrer Bevölkerung wussten und wissen konnten. Die Beiträge sind zudem ein beruhigender Beleg dafür, dass mit dem „Handwerkszeug des Historikers“ selbst problematische Quellengattungen wie Stimmungsberichte aus Diktaturen dechiffriert und gewinnbringend genutzt werden können, um dem „Volk auf die Spur“ zu kommen.

          Daniela Münkel/Henrik Bispinck (Hrsg.): Dem Volk auf der Spur . . . Staatliche Berichterstattung über Bevölkerungsstimmungen im Kommunismus. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2018. 270 S., 20,– .

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