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Meinhof, Mahler, Ensslin : Die Falschen gefördert

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Bewerberbogen vom 6. Dezember 1963 Bild: Abb.a.d.bespr.Band

Die Reaktion der Studienstiftung ist nachvollziehbar, dass sie mit einer wissenschaftlichen Aktenedition auf immer wieder öffentlich erhobene Vorwürfe reagierte, mit öffentlichen Geldern die (späteren) Terroristen Meinhof, Mahler und Ensslin gefördert zu haben.

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          „Bislang unter Verschluss“, „erstmals publiziert“ - so bewirbt der Verlag seine Neuerscheinung „Meinhof, Mahler, Ensslin“. Wer das Buch zur Hand nimmt, findet auf 222 Seiten sorgfältig ediert und umfassend kommentiert die Förderakten der Studienstiftung des deutschen Volkes für die drei im Buchtitel genannten Gründungsmitglieder der Roten Armee Fraktion (RAF). Eingeleitet werden die Akten durch einen Beitrag des Herausgebers Alexander Gallus. Er hat handwerklich eine Edition vorgelegt, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt.

          Inhaltlich finden sich Bewerbungsbögen, Gutachten, Bearbeitungsvermerke, Semesterberichte der Geförderten sowie Korrespondenz von, an und zu Ulrike Meinhof, Horst Mahler und Gudrun Ensslin. Meinhof wurde von 1955 bis 1960 von der Studienstiftung gefördert, Horst Mahler von 1955 bis 1959 und Gudrun Ensslin von 1964 bis 1968, nachdem in ihrem Falle die Aufnahme in die Studienstiftung zunächst zweimal gescheitert war. Die Förderakten von Meinhof und Mahler spiegeln die Lebenswege junger Akademiker wider, bei denen Studienverlauf und Suche nach der eigenen Weltsicht aufs engste mit einander verwoben waren und die sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre zunehmend mit marxistischem Gedankengut auseinandersetzten. Nur Ensslins Akten führen bis unmittelbar an die Vorgründungsphase der Roten Armee Fraktion heran, endete doch ihre Zugehörigkeit zur Studienstiftung aufgrund der Verurteilung infolge ihrer Beteiligung am Frankfurter Kaufhausbrandanschlag vom 2. April 1968.

          Zum Verständnis des Linksterrorismus der 1970er und 1980er Jahre kann die Edition nur wenig beitragen. Im Falle Ensslins und eingeschränkt Meinhofs wurden Gegenüberlieferungen und durchgesickerte Informationen für biographischen Deutungen der Studienjahre dieser beiden Gründungsmitglieder der RAF schon herangezogen. Die jeweiligen Radikalisierungsphasen lagen zudem - mit Einschränkungen bei Ensslin - zeitlich deutlich nach der Zugehörigkeit zur Studienstiftung. Aufschlussreiche Hinweise gibt die Edition hingegen hinsichtlich des Klimas an westdeutschen Universitäten der 1950er Jahre und zur Elitenförderung in der frühen Bundesrepublik, auch wenn der Zugriff auf nur drei Studierende punktuellen Schlaglichtern gleichkommt. Gutachten wie Semesterberichte machen deutlich, dass in der Adenauer-Ära während der Hochphase des Kalten Krieges und trotz des KPD-Verbotes die Angst vor dem Kommunismus lange nicht alle Bereich der westdeutschen Gesellschaft bestimmte. Vielmehr sprechen die Fälle Meinhof, Mahler und Ensslin dafür, dass sich zumindest die Studienstiftung sehr um die Bildung einer offenen, reflexiv-kritischen, pluralistischen westdeutschen Elite bemühte. Dies spricht wenig für den „Mief der 1950er Jahre“, sondern fügt sich vielmehr ein in wissenschaftliche Deutungen dieser Zeit, die die Aufbrüche der 1960er Jahre in die späten 1950er Jahre zurückverfolgen.

          Dies sind nur plausible Mutmaßungen, weil die Förderakten der Studienstiftung generell gesperrt sind. Um die gezielte Politik der Elitenförderung genauer zu analysieren, aber auch für manche biographische Studie wäre es wünschenswert, wenn die Studienstiftung Forschern künftig Zugang zu ihren Akten gewähren könnte. Selbstverständlich sind dabei Persönlichkeitsrechte der Geförderten zu wahren, doch sollte es - nicht zuletzt angesichts der Sachkompetenz der Alumni der Studienstiftung - möglich sein, Mittel und Wege zu finden, juristischen, archivarischen und wissenschaftlichen Anforderungen zu genügen und eine Nutzung der Unterlagen zu ermöglichen.

          Zwar ist die Reaktion der Studienstiftung nachvollziehbar, dass sie mit einer wissenschaftlichen Aktenedition auf immer wieder öffentlich erhobene Vorwürfe reagierte, mit öffentlichen Geldern (spätere) Terroristen gefördert zu haben. Doch stellt sich angesichts des großen Aufwandes, den die Erstellung einer solchen fundierten Edition bedeutet, die Frage, ob Aufwand und Ertrag in einem sinnvollen Verhältnis stehen. Das gilt nicht nur für die schon angesprochenen wissenschaftlichen Erträge, sondern auch mit Blick auf die erhoffte Wirkung für das Selbst- und Fremdbild der Studienstiftung. So spektakulär, wie die Werbetexte dieses Buches ankündigen, ist die Edition auf jeden Fall nicht und kann sie dank ihrer wissenschaftlichen Gediegenheit wohl auch nicht sein. Weder die Geschichte der Studienstiftung noch die des Linksterrorismus in der Bundesrepublik müssen neu geschrieben werden. Ob die Veröffentlichung einen gewichtigen Anstoß für Debatten über das Selbstverständnis der Studienstiftung im 21. Jahrhundert und angesichts des islamistischen Terrors gibt, darüber werden zukünftige Historikergenerationen urteilen.

          Alexander Gallus (Hrsg.): Meinhof, Mahler, Ensslin. Die Akten der Studienstiftung des deutschen Volkes. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2016. 295 S., 60,- €.

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