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„Mein Kampf“ : Hitlers Leser und Zitierer

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Ein Exemplar der Originalausgabe „Mein Kampf“ Bild: dpa

Der Bonner Mediziner und Psychologe Walther Poppelreuter hielt im Wintersemester 1932/33 eine mehrwöchige Vorlesung über „Mein Kampf“. 1934 entstand daraus eine Studie über die „politische Psychologie“ Hitlers.

          Vor wenigen Wochen erschien erst die Neuausgabe des Münchener Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) von „Mein Kampf“. Und schon liegt als Ergänzung zu der 2000 Seiten umfassenden Edition ein 700-Seiten-Band mit Dokumenten zur Geschichte der Hetz- und Propagandaschrift Adolf Hitlers vor. Herausgeber ist der Salzburger Gymnasiallehrer Othmar Plöckinger, der vor zehn Jahren eine umfassende Untersuchung zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von „Mein Kampf“ veröffentlichte und auch phasenweise das IfZ-Editorenteam unterstützte.

          Plöckingers Sammlung enthält 171 meist aussagekräftige und treffend kommentierte Schriftstücke: Briefe und Konzepte zur Genese der beiden Bände von „Mein Kampf“ in der Festung Landsberg 1924 und in Berchtesgaden 1926 (erst 1930 kam die einbändige „Volksausgabe“ heraus, von der bis 1944 in Deutschland 12,45 Millionen Exemplare gedruckt wurden); das Honorar-Buch des Eher-Verlags von Juli 1925 bis Ende 1933; Rezensionen sowie Analysen und Interpretationen aus dem Zeitraum von 1925 bis 1932; schließlich „Dokumente und Publikationen“ aus den Jahren 1933 bis 1945.

          Klarsichtig und scharf argumentierte 1931 der Kapuziner-Pater Ingbert Naab in der Schrift „Ist Hitler ein Christ?“ Naab attackierte die „unchristliche Rasselehre“ Hitlers und sogar dessen Vorstellungen von der Ehe: „Hitler selbst lebt als Junggeselle. Warum enthält er der germanischen Rasse eine tüchtige Nachkommenschaft vor? Ist er vielleicht erblich belastet oder fühlt er sich nicht rasserein?“ Hitler strebe eine „Vergewaltigung der Freiheit“ an: „Es hilft alles nichts, auch hier liegen der nationalsozialistische Gedanke und die bolschewistische Staatsidee vollständig auf einer Linie.“ Und der Publizist Ernst Niekisch setzte sich ein Jahr danach mit dem „blindlings gegebenen“ Vertrauen auseinander, das Hitler bei „so vielen“ Deutschen genieße: „Man wähnt, dass Rausch und Vaterlandsliebe dasselbe sei; man hält den für einen schlechten Patrioten, der darauf achtet, dass sein Kopf klar und sein Sinn nüchtern bleibe.“

          Für manche Zeitgenossen war Hitler „die große Null, das gewaltige Nichts“ (so der Schriftsteller und Brecht-Mitarbeiter Ernst Ottwalt), für andere ein angebeteter Massenverführer. Der Bonner Mediziner und Psychologe Walther Poppelreuter hielt im Wintersemester 1932/33 eine mehrwöchige Vorlesung über „Mein Kampf“. 1934 entstand daraus eine Studie über die „politische Psychologie“ Hitlers, der durch das „Führerprinzip“ eine „völlig neue Organisation“ geschaffen habe: „Hitler machte damit alle Unterfunktionäre zu kleinen Hitlers, machte damit ungeheuere Kräfte frei, die sich zum Wohl der Allgemeinheit beziehungsweise der Bewegung auswirkten.“ Als weiteres Beispiel für eine positive Resonanz auf „Mein Kampf“ aus dem Kreis der traditionellen Eliten bietet Plöckinger einen Brief des Gesandten in Oslo und späteren Staatssekretärs des Auswärtigen Amts Ernst von Weizsäcker, der Ende März 1933 „das etwas veraltete Buch von Hitler“ gelesen hatte und seiner Mutter schrieb: „Am meisten Eindruck machte mir - zu Beginn - die Warmherzigkeit gegenüber dem sozialen Elend. Das ist kein Reaktionär! - Unsereiner muss die neue Ära stützen. Denn was käme denn nach ihr, wenn sie versagte! Natürlich muss man ihr mit Erfahrung, Auslandskenntnis und allgemeiner Lebensweisheit beiseite stehen.“ Das Interessante an dieser Quelle - was Plöckinger ausblendet - ist nicht das frühe Bekenntnis zum Mitmachen, sondern die spätere Rückwirkung. Richard von Weizsäcker leistete als sechster Bundespräsident Vorbildliches für Deutschlands Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, wollte aber ausgerechnet seinen Vater über Jahrzehnte zumindest in die Nähe des Widerstandes gegen Hitler gerückt wissen.

          Aufschlussreich ist ein Beitrag von Karl Heinrich Köpke von 1937 aus der „Nationalsozialistischen Bibliographie“ der Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums. Er befasste sich mit der „Verwendung von Führerworten im Schrifttum“: teils „willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen oder falsch zitiert“. Wollten etwa Wissenschaftler, so fragte Köpke, „für ihre eigene Anschauung, die sich sonst vielleicht nicht mit dem Nationalsozialismus in Übereinstimmung bringen lässt, Führerworte zum Beleg nutzen, die sie sich für diesen Zweck zurechtstutzen?“ Zirka 80 Prozent aller „Führerzitate“ seien falsch: „Der größte Teil der Fehler geht auf Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit, aber auch auf Verantwortungslosigkeit zurück.“ Gerade die korrekte oder unkorrekte Verwendung von „Mein Kampf“-Zitaten während der Zeit des Nationalsozialismus hätte eine noch breitere, gründlichere Beachtung als in dieser wichtigen Quellensammlung verdient.

          Othmar Plöckinger (Herausgeber): Quellen und Dokumente zur Geschichte von „Mein Kampf“ 1924-1945. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2016. 696 S., 99,- €.

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