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Engagiertes Plädoyer : Für den mündigen Patienten

Ärzte bei der Visite in der Uniklinik Mainz im Jahr 2005. Bild: F.A.Z. - Foto: Jesco Denzel

Falk Stirkat und Lars Bräuer legen knapp 300 Seiten Ratgeber und Kampfschrift vor – zum Beispiel gegen Homöopathie.

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          In deutschen Arztpraxen und Krankenhäusern begegnen sich Arzt und Patient nur selten auf Augenhöhe. Sofern der Patient nicht selbst ein Medizinstudium hinter sich gebracht hat, ist ein gewisses Informationsgefälle im Hinblick auf die Beschaffenheit des menschlichen Körpers zwischen beiden Seiten nicht nur unausweichlich, sondern geradezu erwünscht – schließlich suchen Kranke ja gerade den Rat eines ausgewiesenen Experten. Je größer die Wissenskluft ist, desto stärker ist der Patient darauf angewiesen, dem Rat des Arztes zu folgen – die oft künstlich komplizierte Fachsprache der Medizin, die so mancher Chefarzt gegenüber seinen Patienten genüsslich pflegt, anstatt sie im Sinne der Verständigung abzulegen, trägt nicht dazu bei, die Kluft zu ebnen. Eher ist das Gegenteil der Fall.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          An diesem Punkt setzt das Sachbuch der Mediziner Falk Stirkat und Lars Bräuer an. „Der belogene Patient“ kommt in Titel und Aufmachung äußerlich zwar als Krawallbuch daher, erweist sich bei der Lektüre aber als überzeugendes Manifest der evidenzbasierten Medizin. Dass ein Sachbuch von nicht einmal 300 Seiten Länge nur bestimmte Bereiche der Heilkunde abdecken kann, versteht sich von selbst. Griffe der medizinische Laie mit der Erwartung zu dem Buch, für praktisch jedes einigermaßen häufig auftretende gesundheitliche Problem eine verständliche Einordnung zu erhalten, so würde er zwangsläufig enttäuscht. Klugerweise haben die Autoren ihren Fokus daher neben unterschiedlichen Phänomenen der Medizin darauf gelegt, ihren Lesern – zur Zielgruppe dürften keine Naturwissenschaftler und vermutlich nicht einmal akademisch vorgebildete Leser zählen – grundlegendes methodisches Wissen zu vermitteln. Das Buch stellt dar, wie Erkenntnisfortschritt in der Medizin gelingt, was ein Placebo ist und welche Kriterien erfüllt sein müssen, damit eine wissenschaftliche Studie aussagekräftig sein kann. Das Wissen darüber, dass Korrelation und Kausalität zwei grundlegend verschiedene Dinge sind und wann von der statistischen Signifikanz eines Zusammenhangs gesprochen werden kann, ist gewissermaßen der erste Schritt des Laien auf dem Weg zum einigermaßen mündigen Patienten.

          Neben derartigem naturwissenschaftlichen Rüstzeug vermitteln die Autoren von „Der belogene Patient“ durchaus fundierte Einschätzungen zu ausgewählten Krankheitsbildern und schaffen so gezielt Nutzwert für den Alltag. So stellen sie überzeugend dar, warum Wadenwickel bei Fieber sogar schaden können, warum die als „Hafenrundfahrt“ verspottete Tastuntersuchung der Prostata beim Mann als Vorsorgeuntersuchung nicht viel bringt und warum es ein Problem ist, dass sich viel mehr Menschen an der Schilddrüse operieren lassen, als nötig wäre.

          Vor allem aber arbeiten sich Falk Stirkat und Lars Bräuer unermüdlich an mehreren bedeutsamen Gesundheitsgefahren ab. Zum einen stellen die Autoren ausführlich dar, warum die unsachgemäße und viel zu häufige Verschreibung von Antibiotika die von Fachleuten schon seit einigen Jahren beschworene Gefahr hervorruft, sich der Wirksamkeit der Mittel zu berauben. Dass die Autoren in diesem Zusammenhang von einer „Gesundheitskrise nie gekannten Ausmaßes“ schreiben, ist drastisch, aber in der Sache keinesfalls übertrieben. Man kann ihnen auch nicht vorwerfen, zu lax mit ihren Antibiotika verschreibenden Kollegen umzugehen. Von „fehlendem Wissen, Sturheit und völlig ungerechtfertigter Selbstüberschätzung“ ist da zu lesen.

          Ähnlich überzeugend ziehen die Autoren gegen die Homöopathie zu Felde und dekonstruieren die dahinterstehenden Vorstellungen, dass erstens Gleiches mit Gleichem behandelt werden müsse und zweitens ein Mittel umso wirksamer sei, je stärker es verdünnt wird. Stirkat und Bräuer räumen die Prämissen dieser sogenannten Heilkunde genüsslich ab – wissend, dass sie Vernunft und Argumente allesamt auf ihrer Seite haben. So kritisieren sie die Homöopathie mit Recht als „Feldzug gegen die Vernunft“ und rügen nebenbei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aus guten Gründen dafür, dass er es bislang nicht für nötig hielt, etwas dagegen zu unternehmen, dass die Kosten für die umstrittenen Zuckerkügelchen – Homöopathie wirkt nicht über den Placeboeffekt hinaus – vereinzelt sogar von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden.

          Trotz des verdienstvollen Ansinnens, den Lesern die Bedeutung der evidenzbasierten Medizin nahezubringen, offenbart das Buch einige Schwächen. Eine besteht darin, gleich zu Beginn die Corona-Pandemie in allen möglichen Facetten diskutieren zu wollen – von der Rolle des Robert Koch-Instituts bis hin zur Ausstattung der Gesundheitsämter. Zu eklektisch ist in diesem frühen Kapitel die Struktur des Textes, zu offenkundig das dahinterstehende Ansinnen, die Pandemie im Kontext eines neu erscheinenden medizinischen Sachbuchs irgendwie auch noch angemessen würdigen zu müssen. Im Nachwort legen die Autoren offen, dass Corona sie dazu zwang, das praktisch fertige Manuskript noch einmal zu überarbeiten. Was dieses erste Grundsatzkapitel zum Umgang mit dem Coronavirus betrifft, so war die Wahrnehmung eines solchen Zwangs falsch. Auf diese Einordnung, die sich im Übrigen auf den Sachstand im Dezember bezieht, hätten die Autoren besser verzichtet. Dasselbe gilt für so manche Flapsigkeit im Duktus, die offenbar dem Zweck dienen soll, eine besondere Nähe zum Leser zu erzeugen. Das gilt zum Beispiel für den Versuch, bei Corona die „Stunde der Verwirrten“ auszurufen, und erst recht für die etwas plump gefasste „Gier nach Geld“, mit der sie den Erfolg der Homöopathie zu erklären versuchen. Die Abrechnung mit Impfkritikern, so gerechtfertigt sie in der Sache ist, verliert eher an Überzeugungskraft, wenn von der „gestörten Geisteshaltung“ der Kritiker fabuliert wird. Zudem wäre es spätestens die Aufgabe des Lektorats gewesen, überflüssige Binsen wie jene zu tilgen, dass es „im Nachhinein immer einfach“ sei, Entscheidungen zu kritisieren. Auch auf die Weisheit „Aber zum Glück ist früher vorbei“ hätte das Buch gut verzichten können, ebenso auf die mehrfach falsch benutzten Konjunktive und die inflationär verwendeten Ausrufezeichen an den Satzenden. Man muss „Der belogene Patient“ also mit ein wenig Nachsicht lesen, doch man liest es mit Gewinn.

          Falk Stirkat/Lars Bräuer:

          Der belogene Patient. Warum Impfkritiker, Wunderheiler und Scharlatane gefährlicher sind als das Virus. Gräfe und Unzer Verlag, München 2021. 286 S., 19,99 .

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