https://www.faz.net/-gpf-9v46d

Mauergesellschaft : Wider die Ratlosigkeit

  • -Aktualisiert am

Einsamer Protest: Eine Mutter 1986 am Checkpoint Charlie in Berlin. Sie wartet auf ihre Tochter Bild: Paul Glaser

Besonders die DDR wollte sich abgrenzen. Aber auch im Schatten der Mauer blieben Ost und West miteinander verflochten.

          4 Min.

          30 Jahre nach dem Mauerfall scheint die „Mauer in den Köpfen“ noch immer nicht verschwunden – im Gegenteil. Nicht das Gemeinsame zwischen Ost und West nach fast drei Jahrzehnten deutscher Wiedervereinigung wird beschworen, sondern das Trennende betont. Viele Ostdeutsche fühlen sich als Bürger zweiter Klasse, die immer noch weniger verdienen als ihre Landsleute im Westen der Republik, die in Führungspositionen stark unterrepräsentiert sind, deren DDR-Biographien und damit ihre Lebensleistung nicht genügend gewürdigt wird. Hier geht es um Befindlichkeiten genauso wie um reale Missstände und Versäumnisse. Die politischen Folgen dieser Gemengelage sind durch die hohen Wahlergebnisse für die AfD in den ostdeutschen Bundesländern bereits jetzt deutlich spürbar. In der alten Bundesrepublik scheint man all dem mehr oder weniger ratlos gegenüberzustehen. Da werden Untersuchungen und Umfragen in Auftrag gegeben, um sich selbst zu vergewissern und zeigen zu können, dass es in Wirklichkeit doch gar nicht so schlimm sei, wie viele Ostdeutsche meinen.

          Vor diesem Hintergrund könnte ein Blick in die Vergangenheit unter Umständen helfen, die deutsch-deutschen Gefühlslagen besser zu verstehen. Frank Wolff legt mit seiner fast tausendseitigen Habilitation über die Mauergesellschaft ein Buch vor, das umfassend die Auswirkung der Teilung auf Gesellschaft, Politik und Herrschaft in beiden deutschen Staaten und deren Interaktion untersucht. Im Mittelpunkt steht dabei das gesamte Feld von Flucht und Ausreise aus der DDR, die der Autor als „deutsch-deutsche Migration“ bezeichnet. Trotz der geschlossenen Grenze verließen von 1961 bis 1989 787 000 Personen die DDR. Wolff will die „Migrationsregime“ in beiden deutschen Staaten, das heißt die grenzüberschreitenden Aushandlungsprozesse über die Bedingungen der innerdeutschen Ost-West-Migration zwischen Betroffenen, Politikern und der medialen Öffentlichkeit, analysieren. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Mauerbau bis zum Mauerfall.

          In einer 88(!)-seitigen Einleitung legt der Autor die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit dar und arbeitet sich streckenweise an längst überholten Thesen der bisherigen Forschung ab. Um nur zwei Beispiele zu nennen: So bemängelt er, dass die Relevanz der Ausreisebewegung für die Lebensrealität in der DDR und die Dynamik der friedlichen Revolution marginalisiert worden sei – das stimmt für Forschungen aus den neunziger Jahren, mittlerweile würde kein ernstzunehmender Historiker(in) die zentrale Rolle der ständig steigenden Ausreiseanträge und tatsächlichen Ausreisen für die Destabilisierung und den Zusammenbruch der DDR mehr bestreiten. Ebenso ist es einer selektiven Wahrnehmung geschuldet, dass angeblich kaum Forschungen zu Flucht und Ausreise jenseits der Zäsur von 1961 vorlägen.

          Als methodische Zugänge wird ein ganzes Bündel von theoretischen Ansätzen präsentiert, das von „Mauergesellschaft“ und „Migrationsregime“ über die neuen Cold War Studies bis hin zu einer integrativen deutsch-deutschen Verflechtungsgeschichte reicht. Der Autor gliedert seinen Untersuchungszeitraum in drei Phasen: Die erste Phase, in der es vor allem in der DDR darum ging, ein neues Grenzregime und neue Reisebedingungen zu etablieren, datiert er von 1961 bis 1967. In dieser Zeitspanne musste sich nicht nur die DDR, sondern auch die Bundesrepublik anders orientieren und der zwischenstaatliche Umgang neu justiert werden. Die Jahre 1967 bis 1975 schließen sich als zweite Phase an. Diese umfasst die Zeit der Deutschland- und Ostverträge und damit der Intensivierung der deutsch-deutschen Kontakte. Die dritte Phase erstreckt sich von der Unterschrift der DDR unter die KSZE-Schlussakte bis zur friedlichen Revolution im Jahr 1989. Hier geht es im Besonderen um die praktische Relevanz der in Helsinki garantierten Menschrechte sowie um die Rolle der Ausreisebewegung für den Nieder- bzw. Untergang der DDR.

          Weitere Themen

          Nato sichert Türkei Solidarität zu Video-Seite öffnen

          Syrien-Konflikt : Nato sichert Türkei Solidarität zu

          Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden militärischen Konfrontation zwischen der Türkei und den syrischen Regierungstruppen in Idlib hat die Nato ihre Solidarität mit Ankara bekräftigt. Das sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg in Brüssel.

          Topmeldungen

          Hoffenheims Trainer Alfred Schreuder: „Es geht immer nur um das Wir“.

          Hoffenheims Trainer Schreuder : „So langsam reift hier etwas“

          Siege über Spitzenteams, herbe Niederlagen gegen Außenseiter: Die TSG 1899 Hoffenheim bietet viel Überraschendes. Trainer Schreuder will seine Spieler zur Selbständigkeit auf dem Platz erziehen – auch gegen Bayern München. Ein Interview.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.