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Matthias Klaus Braun: Hitlers liebster Bürgermeister: Willy Liebel : Brauner Willy im roten Nürnberg

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Willy Liebel führte Hitler am 2. Mai 1939 durch den neuen Nürnberger Tiergarten, der drei Tage später offiziell eröffnet wurde. Bild: Abb. aus dem bespr.Band

Der Aufstieg des Antisemiten und kriegsversehrten Republikgegners Liebel hing wesentlich mit der vom Großvater mütterlicherseits in Nürnberg gegründeten Druckerei Monninger zusammen, in der neben völkischen Schrifttum bald NS-Publikationen erschienen.

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          Unzweifelhaft war der Nationalsozialismus eine Personenverbandsherrschaft. Das bestätigt die Studie von Matthias Klaus Braun über den Oberbürgermeister Willy Liebel, einen bestens vernetzten „alten Kämpfer“ der NSDAP. Der Aufstieg des Antisemiten und kriegsversehrten Republikgegners hing wesentlich mit der vom Großvater mütterlicherseits in Nürnberg gegründeten Druckerei Monninger zusammen, in der neben völkischem Schrifttum bald NS-Publikationen erschienen - ab 1929 auch das vulgär-antisemitische Hetzblatt „Der Stürmer“ des fränkischen Gauleiters Julius Streicher.

          Das „rote“ Nürnberg war schon in den 1920er Jahren durch Streicher und Liebel, deren Verhältnis sich bis zur Absetzung des korrupten Gauleiters im Februar 1940 von einer distanzierten Männerfreundschaft zur Intimfeindschaft entwickeln sollte, zu einem Zentrum antisemitischer Agitation geworden. Mit Unterbrechung seit 5. November 1925 Parteimitglied, schien die NSDAP dem nach vorne drängenden Liebel beste Aussichten auf eine Karriere zu gewähren, die er 1929 als ehrenamtlicher Stadtrat begann. Über den NSDAP-Fraktionsvorsitz stieg er schließlich im Frühjahr 1933 zum Oberbürgermeister auf. Für dieses Amt war er weder durch einschlägige Verwaltungserfahrung noch durch juristischen Sachverstand ausgewiesen, wohl aber durch „unbürokratisches Auftreten und seine Durchsetzungsfähigkeit“, die Hitler an dem ehrgeizigen Liebel so sehr schätzte.

          Nicht nur im Rahmen architektonischer Ausgestaltung und kommunaler Kostenübernahme der Reichsparteitage arbeitete Liebel unermüdlich „seinem Führer“ entgegen - und unter ihm einer von personeller Kontinuität gezeichneten Stadtverwaltung. Das Mitwirken erfahrener und stadtbekannter Verwaltungsbeamter, etwa des 1933 geschassten, bald schon als städtischer Rechtsrat wieder in die Verwaltung zurückgeholten Sozialdemokraten Hans Rollwagen, diente nicht nur in Nürnberg der Systemstabilisierung des NS-Regimes. Auch in der „Stadt der Reichsparteitage“ bildete die Schaffung einer auf rassistischen und vormodernen Grundlagen basierenden „Volksgemeinschaft“ unter Ausschluss aller „Volksschädlinge“ das wesentliche Ziel der nationalsozialistischen Politik. Die kommunal mitbetriebene Exklusion von Minderheiten wird an den gegen die Juden gerichteten Maßnahmen deutlich, die Liebel immer wieder entscheidend „von unten“ verschärfte. Die Isolierung und Ausplünderung der rund 7500 Nürnberger Juden ging - wie vielerorts in Deutschland - auf lokale Initiative zurück, etwa bei der „Verwertung“ des Hausrats der Deportierten durch eine von Stadtverwaltung, Finanzamt und Nationalsozialistischer Volkswohlfahrt besetzte Kommission oder auch beim kommunalen Erwerb von Immobilien und Grundstücken im Rahmen der „Arisierung“.

          Uneitel gab sich der „gottgläubige“, ehemalige Protestant keinesfalls: So erteilte Liebel im Frühjahr 1937 den Auftrag, mehrere Bronzebüsten von sich anfertigen zu lassen; ein großformatiges Ölgemälde folgte. Die Pflege des historischen Erbes der ehemaligen Reichsstadt lag Liebel am Herzen, die Altstadt wurde auf Mittelalter getrimmt, die Hauptsynagoge als „städtebaulicher Fremdkörper“ im August 1938 abgerissen und die Herrschaftsinsignien der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, die sogenannten Reichskleinodien, von Wien wieder nach Nürnberg überführt. Aufgrund eingeschränkter Handlungsfähigkeit der Stadtoberhäupter nach Entfesselung des Zweiten Weltkriegs drängte Liebel nach Berlin, wo er ab 1942 als Chef des Zentralamts im Rüstungsministerium zu Albert Speers rechter Hand wurde - ohne seinen Posten als Oberbürgermeister aufzugeben. Ende 1944 kehrte Liebel in das schwer vom Bombenkrieg getroffene Nürnberg zurück. Die Umstände seines Todes am 20. April 1945 im Palmenhof-Bunker sind nicht restlos geklärt. Seine Leiche wurde mit einer einzigen Schusswunde nahe des linken Ohres aufgefunden. Hatte der Rechtshänder Liebel tatsächlich Suizid begangen, oder wurde seinem Leben an „Führers Geburtstag“ von dritter Seite, etwa von dem Streicher-Nachfolger Karl Holz, ein Ende gesetzt?

          Trotz eines nicht überlieferten persönlichen Nachlasses ist die Quellenlage im kommunalen Bereich günstig. Dadurch entgeht der Autor nicht immer der Gefahr, die Verwaltungsgeschichte allzu sehr in den Vordergrund zu stellen. Eine straffere Argumentation wäre hilfreich gewesen. Oder der Autor hätte den Fokus verschieben und eine Studie zur Rolle der Nürnberger Stadtverwaltung schreiben müssen. Dann allerdings wäre noch entschiedener der Frage nachzugehen gewesen, weshalb die „immer treue“ und nicht parasitär mit „alten Kämpfern“ durchsetzte höhere Beamtenschaft die NS-Unrechtspolitik in effizientes und praktikables Verwaltungshandeln umsetzte. Ging es einer nach außen scheinbar apolitisch und rein vollziehend auftretenden Verwaltung nicht letztlich um den eigenen Machterhalt? Freilich war der nach 1933 von der Beamtenschaft dafür zu zahlende Preis eine - nach 1945 vehement abgestrittene - ideologische Selbstgleichschaltung bei gleichzeitiger Übernahme von Mitverantwortung für die Verbrechen des „Dritten Reichs“.

          Matthias Klaus Braun: Hitlers liebster Bürgermeister: Willy Liebel (1897-1945). Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte, Band 71. Nürnberg 2012. Zu beziehen über www.stadtarchiv.nuernberg.de., 1010 S., 39,- €.

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