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Massengewalt : Alles nur eine Frage der Situation?

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Bild: dpa

Die Wirkungsmächtigkeit der Situation für das menschliche Handeln ist als Argument nicht neu. Aber keiner hat es vor Jörg Baberowski wohl so prononciert und so gelungen auf den Punkt gebracht.

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          Seit Jahrzehnten arbeiten sich Wissenschaftler daran ab, die Massengewalt des 20. Jahrhunderts zu erklären. Von allen Erklärungsmodellen war die Ideologie in gewisser Weise das offensichtlichste und das bequemste. Nationalsozialisten und Bolschewiki hatten in ihrer ideologischen Verblendung gemordet, und mit dem Untergang ihrer Systeme war die Menschheit vermeintlich zurück auf dem Pfad der Zivilisation. Auch für die Deutschen hatte diese Lesart viele Vorteile: Die Täter hatten Verbrechen begangen, weil sie Nazis waren. Wer aber kein Nazi war, konnte auch kein Täter gewesen sein. Man musste also nur alles dafür tun, dass es keine bösen Ideologien mehr gab, dann würden Unrecht, Krieg und Gewalt endlich der Geschichte angehören. Jörg Baberowski setzt mit der ihm eigenen Verve einmal mehr an einem solchem Erklärungsmodell die Axt an. Ihm geht es in seinem Buch ganz grundsätzlich um Gewalt und um die Bedingungen, die sie hervorbringt. Die klassischen Beispiele für Massenmord und Genozid spielen bei ihm als einem der führenden Stalinismus-Forscher aber eine zentrale Rolle.

          Gewalt, so Baberowski, sei keine Anomalie, die geheilt werden könne. Sie gehöre als conditio humana zum Menschen dazu, so wie das Bedürfnis nach sexueller Befriedigung, und sie werde ausgeübt, sobald es möglich und sozial geboten ist, sie auszuüben. All jenen Kultur- und Sozialwissenschaftlern, die durch ihre Forschungen die Welt zu einem besseren Ort machen und die Gewalt wie eine Art Krankheit heilen wollen, erteilt Baberowski eine harsche Absage. „Ein Leben ohne Gewalt wird es nicht geben, jahrhundertelang haben Menschen einander verletzt und getötet, und nichts wird sie davon abhalten können, es auch in Zukunft zu tun.“ Er glaubt daher auch nicht an die Zivilisationsidee des amerikanischen Soziologen Steven Pinker und widerspricht dessen These, dass es in der Moderne weniger Gewalt gegeben hätte als im vermeintlich so finsteren Mittelalter.

          Jörg Baberowski zweifelt auch daran, dass Menschen friedfertig werden, wenn man sie nur lange genug von der Gewalt abhält. Gewalt sei immer eine Handlungsoption. Daran habe sich bis heute nichts geändert. Vor allem würden Ideologien keine Erklärungen dafür bieten, warum Menschen einander das Leben nehmen. Ob jemand zum Kriegsverbrecher wurde, war in der Tat kaum davon abhängig, ob er ein glühender Nationalsozialist war, sondern vielmehr in welcher Situation an der Front oder im Hinterland er sich wiederfand. Wenn Gewalt geboten war, wurde sie auch ausgeübt.

          Die Wirkungsmächtigkeit der Situation für das menschliche Handeln ist als Argument nicht neu. Aber keiner hat es vor Baberowski wohl so prononciert und so gelungen auf den Punkt gebracht. Und dennoch sollte man die Ideologie nicht ganz aus der Betrachtung herausnehmen. Denn sie schuf erst den Rahmen für das individuelle Handeln. Oder um im Duktus des Buches zu bleiben: Sie gestaltete den Gewaltraum zu einem erheblichen Maße mit, sie bestimmte, was erlaubt war und was nicht. Man denke nur an die verbrecherischen Befehle im Vorfeld des Unternehmens „Barbarossa“ 1941, die jedem Landser verdeutlichten, dass Gewalt das Gebot der Stunde war.

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