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Martina Steber/Bernhard Gotto (Herausgeber): Visions of Community in Nazi Germany : Sinn geben und Opfer fordern

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Die Truppenparade der Wehrmacht am 5. Oktober 1939 in Polen Bild: dpa

Wie ließen sich sogar ideologisch eher Fernstehende für Hitler mobilisieren? Die „Volksgemeinschaft“ als soziale Verheißung bot viele Optionen.

          In der Forschung hat sich mittlerweile der Konsens herausgeschält, dass die unzweifelhafte soziale Dynamik des NS-Regimes vor allem auf die mobilisierende Kraft der Konzeption der „Volksgemeinschaft“ zurückzuführen war. Die „Mobilisierungsdiktatur“ war demnach darauf angewiesen, den „Volksgenossen“ attraktive Vergemeinschaftungs-Offerten anzubieten, welche diese in ihre jeweilige soziale Lebenswirklichkeit überführen konnten. Die bestürzend große Bereitschaft so vieler männlicher und weiblicher Deutscher, sich aktiv in das NS-System einzubringen, beruhte mithin auf dessen Fähigkeit, derartige soziale Energien von unten abzurufen und in systemstabilisierendes Handeln umzusetzen. Dass dabei der Vorstellung von „Volksgemeinschaft“ eine herausragende Bedeutung zukam, ist die opinio communis nahezu aller 20 Beiträge des hier anzuzeigenden Sammelbands. Als Überblick über die Forschung erweist er sich als überaus nützlich; nicht wenige Beiträge zeigen zudem auf, in welche Richtung sich eine NS-Forschung bewegt, die nicht länger die ermüdenden Kontroversen der 1980er Jahre fortsetzen will.

          Die innovativsten Beiträge zeigen, dass die gemeinschaftsbildende Potenz des Volksgemeinschaftsdiskurses in seiner Handlungsrelevanz lag: Er offerierte eine handlungsorientierende Sinnkonfiguration, die - wie Frank Bajohr eindrucksvoll zeigt - selbst dem NS-Regime ideologisch eher Fernstehenden eine Vielzahl von Optionen bot, um auf der funktionalen Ebene praktischen Handelns das System zu stabilisieren. Man musste wahrlich kein fanatischer Rassenideologe und Christentumshasser sein, um die „Volksgemeinschaft“ als Handlungsanweisung anzusehen, die Grenzen der Gemeinschaft auch durch gewaltsame Ausgrenzung von sogenannten „Gemeinschaftsfreunden“ neu zu definieren. Den Studien von Michael Wildt ist es zu verdanken, dass die Forschung immer stärker auf dynamische Kommunikationsprozesse blickt, in denen sich „Volksgenossen“ ohne ausgeprägten ideologischen Fanatismus das Konzept der „Volksgemeinschaft“ aneigneten, um ihren sozialen Status auf dem Wege einer „Selbstermächtigung“ aufzuwerten. Dass eine solche Perspektive reiche Erträge abwirft, lässt sich an Beispielen ablesen. So kann - wie Andreas Wirsching meint - das dynamische Wechselspiel zwischen einer aktivistisch aufgeladenen öffentlichen Sphäre und der vermeintlicher Normalität und Beschaulichkeit des Privatlebens im Nationalsozialismus auch unter Rekurs auf die Funktionalität des „Volksgemeinschaftsdiskurses“ erklärt werden.

          Viele Beiträge weisen darauf hin, dass die soziale Verheißung der „Volksgemeinschaft“ Entwicklungen einleitete, die in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft zum Durchbruch gelangten. Dies galt für das Versprechen einer egalitären Konsumgesellschaft ebenso wie für die Ausschöpfung der Arbeitskraftreserven der Frauen und die Mechanisierung der Agrarökonomie. Dabei darf allerdings nicht die zentrale Prämisse des NS-Systems aus den Augen verloren werden: die totale Unterordnung unter einen Eroberungs- und Vernichtungskrieg, in dem die „Volksgemeinschaft“ in Gestalt einer „Kampf- und Opfergemeinschaft“ ihre Bewährungsprobe zu bestehen hatte.

          Vor diesem Hintergrund kann ein - vom besonders inspirierenden Beitrag von Johannes Hürter herausgestellter - Befund zu Verwunderung Anlass geben: Es herrscht ein Mangel an substantiellen Studien, welche die Relevanz des „Volksgemeinschaftsdiskurses“ für die etwa 18 Millionen Angehörigen der Wehrmacht veranschaulichen. Hürter weist der Forschung wichtige Perspektiven, wenn er betont, dass das nationalsozialistische Leitbild einer volksgemeinschaftstauglichen Wehrmacht im Kern gegen den Professionalisierungsdiskurs der klassischen Militärelite gerichtet war, auch wenn das Regime aus funktionalen Gründen auf die Mitarbeit der klassischen Generalstäbler vorerst nicht verzichten konnte.

          In methodischer Hinsicht plädiert der Band für kulturgeschichtliche Fragestellungen. Hier ist die Forschung allerdings noch auf halbem Wege stehengeblieben, weil sie Anregungen der Kulturwissenschaften nur sporadisch aufgenommen hat. Daher ist es überfällig, der performativen Dimension der Herstellung von „Volksgemeinschaft“ gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Denn unzählige Male haben Historiker zu Recht betont, welche emotionalen Wirkungen die Beschwörungen von Gemeinschaft im Format von Feiern, Aufzügen und Treuekundgebungen gerade auf ganz gewöhnliche Deutsche hinterließen. „Volksgemeinschaft“ ist auch ein im Akt ihrer Aufführung gestifteter Erlebnisausdruck, dessen sinnliche Durchschlagskraft allem Anschein nach erheblich dazu beitrug, dass die im Modus der Sinnkultur daherkommenden Volksgemeinschaftsparolen Widerhall fanden. Insofern ist die Produktion von „Volksgemeinschaft“ ein Exempel für die von Walter Benjamin konstatierte Ästhetisierung des Politischen als Spezifikum nationalsozialistischer Herrschaft. Dieser Dimension wird die Forschung nur auf die Spur kommen, wenn sie neugieriger als bislang die Anregungen jener Wissenschaften aufgreift, die sich schwerpunktmäßig mit ästhetischen Fragen beschäftigen.

          Martina Steber/Bernhard Gotto (Herausgeber): Visions of Community in Nazi Germany. Oxford University Press, Oxford 2014. 33 S., 76,04 €.

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