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Prag vor 50 Jahren : Verdiente Hommage an die Gescheiterten

  • -Aktualisiert am

Ziviler Widerstand: Ein Panzer der Invasoren wird am 21. August 1968 in Prag von der Bevölkerung blockiert Bild: dpa

Es ging um Befreiung von doktrinärer Bevormundung. Die Hoffnung auf Reformierbarkeit des Sowjetsozialismus wurde aber niedergewalzt.

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          Martin Schulze Wessels Geschichte des „Prager Frühlings“ unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von konventionellen Darstellungen dieses gescheiterten „Aufbruchs in eine neue Welt“. Er vermeidet die Fixierung auf den Höhenkamm der Ideen- und Theoriegeschichte ebenso wie die auf die machtpolitischen Ränkespiele in der Parteispitze. Wohl finden die Ablösung von Partei- und Staatschef Antonín Novotný durch Alexander Dubček im Januar und Ludvík Svoboda im März 1968 und der damit verbundene Einzug der Reformpolitiker in Spitzenpositionen gebührend Erwähnung, dies jedoch eingebettet in eine Erzählung des Prager Frühlings als gesellschaftsgeschichtliches Ereignis, das aus der Mitte der tschechoslowakischen politischen Kultur heraus entsteht und binnen weniger Jahre für kurze Zeit Eliten und breiteste Massen der Bevölkerung in einen Strudel öffentlicher Debatten und Projekte der umfassenden politischen Veränderungen reißt. Gemeinsam sind diesen seit Ende der fünfziger Jahre zunächst in Expertenzirkeln von Wissenschaft und Parteiapparat entfachten Zukunftsperspektiven der (selbst)kritische Bezug zur jüngsten Vergangenheit.

          Daher beginnt die Darstellung mit einem Abriss der kommunistischen Justizverbrechen Anfang der fünfziger Jahre. Auf Geheiß Stalins „säuberten“ die führenden Genossen ihre Partei, indem sie im tschechischen Landesteil vor allem Kader jüdischer Herkunft verfolgten, während es in der Slowakei vor allem als „Nationalisten“ gebrandmarkte Parteimitglieder traf. Die Rehabilitierung der Opfer und die Aufarbeitung dieses Tiefpunkts der Parteigeschichte bildete einen gemeinsamen Nenner der unterschiedlichen Reformer und ihrer gesellschaftlichen Visionen.

          Die weltberühmt gewordene „Kafka-Konferenz“ 1963 in Liblice war das erste weithin sichtbare Signal des neuen, anti-dogmatischen Aufbruchs: Kafkas Schaffen galt dem Literaturwissenschaftler und Präsidenten des Schriftstellerverbandes Eduard Goldstücker als realistische und zugleich antiideologische Kritik der Entfremdung des modernen Menschen, an den der Humanismus der sozialistischen Gegenwart anknüpfen sollte. Der Philosoph Radovan Richta und der Ökonom Ota Šik standen für eine grundlegende, Marktwirtschaft und Plan zusammenführende Umgestaltung des Wirtschaftslebens im Zeichen der wissenschaftlich-technischen Revolution. Der Rechtswissenschaftler und ehemalige Staatsanwalt Zdeněk Mlynář leitete eine Reformkommission, die sich die Verrechtlichung und Demokratisierung des Staatsaufbaus zum Ziel setzte. In jedem dieser Bereiche ging es den Reformern um die Befreiung von doktrinärer Bevormundung, um das Ende der vom Marxismus-Leninismus aufgezwungenen Tabus und Zwänge.

          Aus diesen Anfängen einer Elite heraus, die um ihre eigene Rehabilitierung, aber damit auch um die Wiederherstellung der moralischen Integrität und Handlungsfähigkeit ihrer Partei als politischem Akteur rang, nimmt der eigentliche „Frühling“ der Gesellschaft Gestalt an. Was Schulze Wessel anhand zahlreicher Aktionen von Interessengruppen, Berufsverbänden und Gruppen von Bürgern beschreibt, würden wir heute als zivilgesellschaftlichen Aufbruch bezeichnen. Dessen Dynamik in den verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren verlieh dem „Prager Frühling“ eine ganz eigene demokratische Legitimität – trotz des kommunistischen Rahmens, in dem er sich entfalten musste und den zu sprengen er sich recht bald anschickte.

          Schulze Wessel gelingt es vorzüglich, die zahlreichen Fäden und Motive dieses Aufbruchs immer wieder zusammenzuführen, und obwohl der Leser weiß, dass die Geschichte am Ende schlecht ausgeht, will er doch an jeder Stelle wissen, wie sie nun weitergeht. Gerade beim Nachvollzug einer verlorenen Sache erweist sich hier Geschichtsschreibung als literarisches Genre sui generis. Einer der erzählerischen Höhepunkte ist zweifellos die Schilderung der letzten Verhandlungen zwischen den Parteiführungen der KPdSU und der KPČ im äußersten Osten der Tschechoslowakei Ende Juli 1968: Beide Delegationen übernachteten jeweils in ihren Eigenbahnwaggons, wobei jedoch die sowjetischen Unterhändler dank ihrer mitgeführten Nachrichtentechnik ihren Verhandlungspartnern, die hier, am äußersten Ende der slowakischen Provinz, vom Rest des Landes und damit der Weltöffentlichkeit abgeschnitten waren, haushoch überlegen waren.

          Was in den westlichen linken Fehlinterpretationen des „Prager Frühlings“ von Anfang an, und gerade auch in der damaligen marxistisch orientierten Studentenbewegung viel zu kurz kam, ist der Umstand, dass der „Prager Frühling“ an eine reiche Tradition demokratischer Bewegungen anknüpfte. Die Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit war mit Abstand die am weitesten entwickelte Demokratie in diesem Teil Europas. Schulze Wessel arbeitet sehr genau heraus, wie die nichtkommunistischen Anteile dieser Tradition, je mehr das Reformprojekt zur Sache der ganzen Gesellschaft wird, ihre Stimmen und ihre Auftritte im Geschehen des „Prager Frühlings“ finden. Er schildert eine Eigendynamik der demokratischen Pluralisierung, die zusehends den kommunistischen Reformern entgleitet. Kaum ist Pressefreiheit hergestellt, melden sich auch die bürgerlichen Opfer, die bereits in den späten vierziger Jahren der Stalinisierung ins Gefängnis gewandert waren, zu Wort und bilden ihre eigene Vereinigung, während die früheren Sozialdemokraten drauf und dran sind, ihre Partei wiederzugründen.

          Ausgerechnet Kommunisten, denen die Sache der bürgerlichen Demokratie nicht in den Genen liegt, verhalfen hier dem bürgerlich-demokratische Erbe der Doppel-Nation zur Selbstermächtigung – am eindrücklichsten geschildert in der Breite und Eigenständigkeit, mit der das Manifest der 2000 Worte im Juni 1968 die von den kommunistischen Vorbehalten vollständig emanzipierten Erwartungen der Gesellschaft artikulierte.

          Zur Einzigartigkeit des Reformprojekts in der ČSSR gehörte auch, dass es in dem innerhalb des kommunistischen Lagers technisch und gesellschaftlich am weitesten entwickelten Land des Ostblocks stattfand, einem Land, das im internationalen Vergleich durchaus mit westlichen Industrienationen mithalten konnte und vor ähnlichen Herausforderungen stand. Die tschechoslowakischen Kommunisten sprangen gewissermaßen vom höchsten Niveau ab mit ihrem umfassenden Reformprogramm und bearbeiteten dabei Themen, die sich in jeder modernen Gesellschaft stellen: das Verhältnis von Markt, staatlicher Steuerung und technischem Wandel, das Verhältnis von Staat und bürgerschaftlicher Partizipation im Zeitalter des Individualismus, das Thema einer pluralen Kultur und Lebensweise, und all das vor dem Hintergrund einer ergebnisoffenen Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Vergangenheit des eigenen Gemeinwesens. Die Nachhaltigkeit dieser Agenda hebt den „Prager Frühling“ weit über den Rang einer tragischen Episode, und Schulze Wechsel gelingt es sehr gut, den Sinn des Lesers für das Auf-der-Höhe-der-Zeit-Sein dieser gescheiterten Utopie zu entwickeln, ihn davon zu überzeugen, dass sie mehr verdient als die „ungeheure Arroganz der Nachwelt“, die einst Edward P. Thompson denen vorgehalten hat, die schon immer zu wissen glaubten, dass gescheiterte Utopien lediglich zum Studium der Unausweichlichkeit ihres Scheitern von Nutzen sind.

          Inmitten des diesjährigen Rummels um 1968 führt dieses Buch vor Augen, dass es nicht die Studenten, Intellektuellen und Künstler in Berlin, Paris und Berkeley, sondern die Reformer in Prag und die sie tragende Gesellschaft waren, die die kühnsten und zugleich konkretesten Pläne für eine neue Gesellschaft hegten, dabei am meisten wagten – und am meisten verloren.

          Thomas Lindenberger

          Martin Schulze Wessel: Der Prager Frühling. Aufbruch in eine neue Welt.

          Reclam Verlag, Leipzig 2018. 323 S., 28,– .

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