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Erich Honecker : Antifaschist mit Wachtmeisterin

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Erich Honecker, Margot Feist und Wilhelm Pieck im Mai 1950 in Berlin Bild: FAZ-Archiv

Der am 25. August 1912 in Neunkirchen geborene Bergarbeiter-Sohn Erich Honecker wuchs nicht - wie die kommunistische Legende es will - in einem von ständiger materieller Not heimgesuchten Proletarierhaushalt auf. Sein Elternhaus prägte vielmehr ein „kleinbürgerlicher Zuschnitt“.

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          Erich Honecker war kein Volkstribun, der Zuspruch bei den Menschen in der DDR fand. Wer ihm außerhalb des Parteiapparates Respekt zollte, würdigte seinen unerschrockenen Kampf gegen den Faschismus, den er mit einer zehnjährigen Zuchthausstrafe bezahlte. Das Heldenbild, das er nach dem Krieg von sich zeichnete, die kommunistische Musterbiographie, die er sich mit Hilfe von Ghostwritern aus dem Parteiapparat und Parteihistorikern in seinen 1980 erschienenen Memoiren „Aus meinem Leben“ zurechtgebogen hatte, bekam Risse, als er nach seinem Sturz vom hofierten Staatsmann zum Staatsverbrecher herabsank. Seine Autobiographie galt als Lebenslüge, in der er den „Mythos vom aufrechten Antifaschisten“ erfunden hatte, um den „Anspruch auf die Macht im sozialistischen DDR-Staat zu legitimieren“. War dieses vernichtende Urteil berechtigt?

          In seiner großen Biographie des jungen Honecker unterzieht Martin Sabrow den „über Jahrzehnte gebildeten und geschützten Heiligenschein von Honeckers Lebensgeschichte“ einer kritischen Überprüfung, indem er die Jugendgeschichte des Altkommunisten in ständiger Auseinandersetzung mit dessen Memoirenwerk erzählt. Anders als die Kritiker der Wendezeit, die den gestürzten Generalsekretär desavouieren wollten, hat Sabrow zahlreiche neue Quellen erschlossen und wägt seine Urteile vorsichtig ab.

          Der am 25. August 1912 in Neunkirchen geborene Bergarbeiter-Sohn Honecker wuchs nicht - wie die kommunistische Legende es will - in einem von ständiger materieller Not heimgesuchten Proletarierhaushalt auf. Sein Elternhaus im „roten Bergarbeiterdorf“ Wiebelskirchen, dem er sein ganzes Leben verbunden blieb, prägte vielmehr ein „kleinbürgerlicher Zuschnitt“. Der Vater, Wilhelm Honecker, war auch kein Revolutionär, der sich am 1918 in Kiel ausgebrochenen Matrosenaufstand beteiligte (wie sein Sohn später glauben machen wollte), sondern kehrte bereits 1917 nach Wiebelskirchen zurück, um im zivilen Einsatz unter Tage zur Beseitigung des herrschenden Brennstoffmangels beizutragen.

          Über die USPD stieß Wilhelm Honecker zur KPD, in deren Kindergruppe in Wiebelskirchen der nicht einmal zehnjährige Erich 1922 von seinen Eltern geschickt wurde. Wenn Honecker die Familiengeschichte auch etwas zurechtdrechselte, der Einfluss seiner Eltern auf sein politisches Bekenntnis bleibt unstrittig. Sabrow zufolge war die „revolutionäre Vision“ des Schülers undogmatisch; sie „zielte schlicht darauf, sich ein besseres Leben sichern zu wollen“.

          Nach seinem Schulbesuch arbeitete der 14-Jährige nahezu zwei Jahre auf einem Bauernhof im hinterpommerschen Neudorf. 1928 kehrte er an die Saar zurück und begann eine Dachdecker-Lehre. Dass er diese abbrach, um eine Karriere als kommunistischer Berufspolitiker zu starten, verschwieg er bei späteren Berufsangaben, in denen er sich stets als gelernter Dachdecker ausgab. 1928 übernahm er die Leitung der Wiebelskirchener Ortsgruppe des kommunistischen Jugendverbandes (KJVD), bereits 1929 wählte man ihn in die Bezirksleitung des KJVD-Saar.

          Als seine Partei ihn 1930 auf die Internationale Lenin-Schule in Moskau entsandte, waren die Weichen für sein Leben als kommunistischer Revolutionär gestellt. Wirkte der Aufenthalt in der Moskauer Kaderschmiede aber tatsächlich so prägend, dass Stalin „als charismatische Verkörperung der revolutionären Weltbewegung und ihrer Partei“ zu Honeckers „Kompass“ wurde und es auch in späteren Jahren blieb? Die weiteren Lebensstationen Honeckers - vor wie nach 1945 - bestätigen diese Einschätzung Sabrows nicht immer.

          Gewiss, in den 1930er Jahren war Honecker ein stets gehorchender Parteisoldat, der den Parolen aus Moskau folgte und jede Parteimission erfüllte, so hoffnungslos sie auch war. Noch 1933 verfocht er die von Stalin diktierte Sozialfaschismusdoktrin und wollte getreu den Appellen des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale „für ein rotes Saargebiet in einem freien, sozialistischen Räte-Deutschland“ kämpfen. Seine Behauptung, es sei ihm gelungen, unmittelbar nach der „Machtergreifung“ Hitlers ein Bündnis zwischen den kommunistischen und sozialdemokratischen Jugendverbänden zu schmieden, „stellt eine nachträgliche Verzeichnung der tatsächlichen Verhältnisse dar“. Sein Widerstand gegen die NS-Diktatur war eher aufopferungsvoll als heroisch. Der Parteiauftrag, kommunistische Widerstandsaktionen im Ruhrgebiet zu reaktivieren, war trotz seiner ehrgeizigen Leitungstätigkeit und der Unmenge illegaler Schriften, die er zur Verteilung brachte, angesichts des von der Gestapo fast schon zerschlagenen Widerstands zum Scheitern verurteilt. Um sich aus den Fängen der Gestapo zu retten, musste er sich Hals über Kopf in seine saarländische Heimat zurückziehen.

          Der Abstimmungskampf an der Saar, den er mit Herbert Wehner bestritt, in dem er einen väterlichen Mentor sah, endete ebenfalls im Fiasko. Die Saarländer folgten dem Lockruf der „Volksgemeinschaft“ und stimmten 1935 mit über 90 Prozent für die Rückkehr der Saar in das Deutsche Reich. Die Verfechter des Status quo, die das Saarland weiterhin der Regierung des Völkerbundes unterstellt sehen wollten, hatten sich zu einer Einheitsfront zusammengeschlossen. Dass der von Honecker geleitete Jugendverband bei dieser Bündnispolitik eine führende Rolle gegenüber der Mutterpartei gespielt habe, gehört jedoch ins „Reich der Legenden“. Am Abend des Abstimmungskampfes ließ sich eine Gruppe von Jungkommunisten unter der Leitung Honeckers zu einem Sprengstoffattentat gegen das Verkehrsbüro der „Deutschen Front“ in Neunkirchen hinreißen. Sabrow vermutet, dass der eigentliche Organisator des Sprengstoffanschlags nicht Honecker, sondern Wehner gewesen sei. In Moskau wurde das Attentat als Linkssektierertum verurteilt.

          Ob der Vorwurf des Linkssektierertums und das Desaster an der Saar oder innerparteiliche Grabenkämpfe zu Honeckers vorübergehender Kaltstellung führten, lässt sich im Nachhinein kaum mehr feststellen. Jedenfalls hatte die Auslandsleitung der KPD in Paris, an die er sich nach seiner Flucht aus dem Saargebiet Ende Februar 1935 hatte wenden sollen, keine Verwendung für ihn. Die fast sechs Monate in Paris waren für ihn eine Zeit des Nichtstuns und des Hungerns. Honeckers letzter von der Partei diktierter Einsatz in Berlin, wo seine illegale Arbeit weitgehend auf die Selbstbehauptung der Organisation sowie die Entgegennahme und Weitergabe von aus Prag zugesandtem Material beschränkt blieb, glich einem „Himmelfahrtskommando“ und endete mit seiner Verhaftung am 4. Dezember 1935, die er durch sein eigenes fahrlässiges Verhalten mitverschuldet hatte.

          Die Richter am Volksgerichtshof sahen in ihm einen „überzeugten und unbelehrbaren Kommunisten“ und verurteilten ihn im Juni 1937 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zehn Jahren Zuchthaus. Dass Honecker eine Mitangeklagte aus puren Egoismus in dem Verfahren schwer belastet habe, wie Kritiker nach seinem Sturz behaupteten, kann Sabrow überzeugend widerlegen.

          Als Sträfling 523/37 im Zuchthaus Brandenburg-Görden verhielt er sich unauffällig und versuchte nach seinem Aufstieg zum Kalfaktor weder bei den Häftlingen noch bei den Machthabern anzuecken. Dass es dort eine illegale Parteiorganisation gab, die den „entschiedenen Widerstand“ organisierte, war eine nachträgliche Wunschvorstellung Honeckers. Im Frühjahr 1943 wurde er zunächst einer Baukolonne zugeteilt und meldete sich dann vermutlich freiwillig - in der Hoffnung auf vorzeitige Freilassung - zum Einsatz in einem Bombenräumkommando. Ein Jahr später erfolgte seine Verlegung in das Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße, wo er die Wachtmeisterin Charlotte Schanuel kennenlernte, die seine spätere Ehefrau werden sollte.

          Das nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes verbreitete Gerücht, Staatssicherheitsminister Erich Mielke habe den Generalsekretär der SED aufgrund der Kenntnis dieser Beziehung zu erpressen vermocht, nennt Sabrow ein „Produkt blühender Phantasie“. Freilich, die Verbindung mit einer Frau, „die als Werkzeug der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaschinerie gedient“ hatte, vertrug sich nur schlecht mit dem selbst gezeichneten Bild eines heroischen Antifaschisten. Honecker lebte bis zum frühen Tod von Charlotte Schanuel 1947 in zwei Parallelwelten, in denen das politische und private Leben scharf voneinander getrennt waren.

          Glichen Honeckers Memoiren der Selbstinszenierung eines kommunistischen Berufspolitikers, der die Wahrheit dem Avantgardeanspruch seiner Partei opferte? Ein solches Verdammungsurteil geht Sabrow zu weit. Das Rezept von Honeckers Selbstdarstellung sei niemals „simples Verschweigen und nur in Ausnahmefällen glatte Verfälschung“ gewesen. Er habe vielmehr das Prinzip der „Dekontextualisierung“ angewandt, um Brüche und Nebenwege seines Lebens zu kaschieren. Sabrow hat diesen Kontext in seiner spannend erzählten, wenn auch stellenweise zu detailverliebten Biographie des jungen Honecker wieder zu rekonstruieren versucht.

          Martin Sabrow: Erich Honecker. Das Leben davor 1912-1945. C. H. Beck Verlag, München 2016. 623 S., 27,95 €.

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