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Erich Honecker : Antifaschist mit Wachtmeisterin

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Der Abstimmungskampf an der Saar, den er mit Herbert Wehner bestritt, in dem er einen väterlichen Mentor sah, endete ebenfalls im Fiasko. Die Saarländer folgten dem Lockruf der „Volksgemeinschaft“ und stimmten 1935 mit über 90 Prozent für die Rückkehr der Saar in das Deutsche Reich. Die Verfechter des Status quo, die das Saarland weiterhin der Regierung des Völkerbundes unterstellt sehen wollten, hatten sich zu einer Einheitsfront zusammengeschlossen. Dass der von Honecker geleitete Jugendverband bei dieser Bündnispolitik eine führende Rolle gegenüber der Mutterpartei gespielt habe, gehört jedoch ins „Reich der Legenden“. Am Abend des Abstimmungskampfes ließ sich eine Gruppe von Jungkommunisten unter der Leitung Honeckers zu einem Sprengstoffattentat gegen das Verkehrsbüro der „Deutschen Front“ in Neunkirchen hinreißen. Sabrow vermutet, dass der eigentliche Organisator des Sprengstoffanschlags nicht Honecker, sondern Wehner gewesen sei. In Moskau wurde das Attentat als Linkssektierertum verurteilt.

Ob der Vorwurf des Linkssektierertums und das Desaster an der Saar oder innerparteiliche Grabenkämpfe zu Honeckers vorübergehender Kaltstellung führten, lässt sich im Nachhinein kaum mehr feststellen. Jedenfalls hatte die Auslandsleitung der KPD in Paris, an die er sich nach seiner Flucht aus dem Saargebiet Ende Februar 1935 hatte wenden sollen, keine Verwendung für ihn. Die fast sechs Monate in Paris waren für ihn eine Zeit des Nichtstuns und des Hungerns. Honeckers letzter von der Partei diktierter Einsatz in Berlin, wo seine illegale Arbeit weitgehend auf die Selbstbehauptung der Organisation sowie die Entgegennahme und Weitergabe von aus Prag zugesandtem Material beschränkt blieb, glich einem „Himmelfahrtskommando“ und endete mit seiner Verhaftung am 4. Dezember 1935, die er durch sein eigenes fahrlässiges Verhalten mitverschuldet hatte.

Die Richter am Volksgerichtshof sahen in ihm einen „überzeugten und unbelehrbaren Kommunisten“ und verurteilten ihn im Juni 1937 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu zehn Jahren Zuchthaus. Dass Honecker eine Mitangeklagte aus puren Egoismus in dem Verfahren schwer belastet habe, wie Kritiker nach seinem Sturz behaupteten, kann Sabrow überzeugend widerlegen.

Als Sträfling 523/37 im Zuchthaus Brandenburg-Görden verhielt er sich unauffällig und versuchte nach seinem Aufstieg zum Kalfaktor weder bei den Häftlingen noch bei den Machthabern anzuecken. Dass es dort eine illegale Parteiorganisation gab, die den „entschiedenen Widerstand“ organisierte, war eine nachträgliche Wunschvorstellung Honeckers. Im Frühjahr 1943 wurde er zunächst einer Baukolonne zugeteilt und meldete sich dann vermutlich freiwillig - in der Hoffnung auf vorzeitige Freilassung - zum Einsatz in einem Bombenräumkommando. Ein Jahr später erfolgte seine Verlegung in das Frauengefängnis in der Berliner Barnimstraße, wo er die Wachtmeisterin Charlotte Schanuel kennenlernte, die seine spätere Ehefrau werden sollte.

Das nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes verbreitete Gerücht, Staatssicherheitsminister Erich Mielke habe den Generalsekretär der SED aufgrund der Kenntnis dieser Beziehung zu erpressen vermocht, nennt Sabrow ein „Produkt blühender Phantasie“. Freilich, die Verbindung mit einer Frau, „die als Werkzeug der nationalsozialistischen Unterdrückungsmaschinerie gedient“ hatte, vertrug sich nur schlecht mit dem selbst gezeichneten Bild eines heroischen Antifaschisten. Honecker lebte bis zum frühen Tod von Charlotte Schanuel 1947 in zwei Parallelwelten, in denen das politische und private Leben scharf voneinander getrennt waren.

Glichen Honeckers Memoiren der Selbstinszenierung eines kommunistischen Berufspolitikers, der die Wahrheit dem Avantgardeanspruch seiner Partei opferte? Ein solches Verdammungsurteil geht Sabrow zu weit. Das Rezept von Honeckers Selbstdarstellung sei niemals „simples Verschweigen und nur in Ausnahmefällen glatte Verfälschung“ gewesen. Er habe vielmehr das Prinzip der „Dekontextualisierung“ angewandt, um Brüche und Nebenwege seines Lebens zu kaschieren. Sabrow hat diesen Kontext in seiner spannend erzählten, wenn auch stellenweise zu detailverliebten Biographie des jungen Honecker wieder zu rekonstruieren versucht.

Martin Sabrow: Erich Honecker. Das Leben davor 1912-1945. C. H. Beck Verlag, München 2016. 623 S., 27,95 €.

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