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Martin Niemöller : Aufgetaucht kämpft sich fairer . . .

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Martin Niemöller Bild: Picture-Alliance

Pastor Martin Niemöller registrierte nach 1933 die angeblichen innen- und sozialpolitischen „Leistungen“ der NSDAP und befürwortete den Austritt aus dem Völkerbund. Von Hitler trennte ihn die fehlende Bereitschaft, getaufte Judenchristen den Juden gleichzustellen.

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          Martin Niemöller gehörte zu den bekannten und zu den politisch umstrittenen evangelischen Theologen der Adenauer-Zeit. Dies war Konsequenz seiner selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte. Seit den fünfziger Jahren verstand er sich als entschiedener Pazifist in einer friedlosen Welt, stand Gustav Heinemann nahe und suchte nach dem dritten Weg im Kalten Krieg. Er fand als einer der ersten Kontakt zur SED-Führung in der DDR und zur Sowjetunion, lange, bevor die Ostdenkschrift der EKD erschienen war.

          Dass sich Niemöller einmal zu einem radikalen Pazifisten entwickeln würde und sogar das Attentat auf Hitler ablehnte, war an seiner lippstädtischen Wiege nicht gesungen worden. Mit seinem frühen Erinnerungswerk „Vom U-Boot zur Kanzel“ hatte er dem Wehrgedanken nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch noch im sich konsolidierenden NS-System seinen Tribut gezollt. Martin Stöhr, der Verfasser des Nachworts, fragt deshalb, ob es zwei Niemöllers gegeben habe - den religions- und gesellschaftskritischen Propheten und den U-Boot-Kommandanten, der die Macht des Katholizismus beklagte und sich nicht scheute, seine „Wahrheit . . . wie ein Torpedo“ in die Welt hinauszuschießen.

          Wenn eine Konstante in Niemöllers Leben auszumachen ist, dann ist es seine Bereitschaft zum politischen Standpunkt, aber auch sein Mut zum politischen Irrtum. In den leidenschaftlich ausgefochtenen verteidigungs-, sicherheits- und außenpolitischen Debatten der fünfziger Jahre hatte er sich mit klaren Positionen eingebracht. Dabei fand er nur selten Verständnis der politischen Eliten, wohl aber großen Widerhall in den evangelischen Gemeinden. Er lehnte die Militärseelsorge ab und handelte sich wegen seiner Behauptung, im Atomzeitalter bedeute die Hinnahme des Krieges die Akzeptierung eines durch Soldaten verübten Massenmords, eine Anzeige des damaligen Verteidigungsministers und CSU-Politikers Franz Josef Strauß ein.

          An Niemöller rieben sich die Bonner Politiker bis an dessen Ende und verstärkten ungewollt zugleich die öffentliche Wirksamkeit des politisch denkenden Protestanten, dessen Reputation sich auf seine Verfolgung und Unterdrückung im nationalsozialistischen Staat gründete.

          Geboren 1892, spiegelte sich in seinem Leben - Niemöller starb 1984 - das Jahrhundert der Extreme. Als U-Boot-Fahrer hatte er 15 Schiffe versenkt. Als Pastor wurde er zum Sprecher einer der bedeutenden Bekenntnisgemeinden in Dahlem. In seiner ersten Lebensbeschreibung hatte er durchaus antikommunistischen und antiliberalen Zeitstimmungen gehuldigt. Die ihn später bestimmenden ethische Fragen blendete er dabei weitgehend aus. Wie für andere Zeitgenossen, galt auch für Niemöller offenbar das Diktum Jacob Burckhardts, der Mensch sei seiner Zeit ähnlicher als seinem Vater.

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