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Markus Moors/ Moritz Pfeiffer (Hrsg.): Heinrich Himmlers Taschenkalender 1940 : Püppi, Mami, Mutti und der „Führer“

  • -Aktualisiert am

Notizen aus dem Mai 1940 Bild: Abbildung aus dem besprochenen Band

Heinrich Himmler gilt als „Architekt“ des Holocaust. Nun ist sein Terminkalender für das Jahr 1940 aufgetaucht und durch sorgfältige Kommentierung zum Sprechen gebracht worden.

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          Heinrich Himmler hatte eine Schlüsselposition während des Genozids an den europäischen Juden inne. Seit April 1934 war er Inspekteur der preußischen Geheimen Staatspolizei, seit Juni 1936 „Reichsführer SS“ und „Chef der deutschen Polizei“, seit Oktober 1939 „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“. Der Teilnehmer des Hitler-Putsches im November 1923 war einer der engsten Vertrauten Hitlers. Der Historiker Richard Breitman hat ihn treffend als „Architekten“ des Holocausts bezeichnet.

          Ein schmaler Taschenkalender Himmlers aus dem Vorfeld des Völkermords für das Jahr 1940 gewinnt so Interesse. Das Kreismuseum Wewelsburg erwarb ihn 2008 auf dem Autographenmarkt. Himmlers persönliche Terminübersicht wird in der bei Paderborn gelegenen, von der SS als Tagungs- und Kultstätte genutzten Burg in der Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ als Exponat präsentiert. Das Bundesarchiv hat dessen Echtheit bestätigt. Doch historisch zum Sprechen gebracht werden Himmlers knappe Einträge erst durch intensive Forschung.

          Der Terminkalender der Marke „EMWE“ mit Goldschnitt hat ein Format von 12 mal 9 Zentimetern, sein Einband ist verlorengegangen. Im Gegensatz zu den von Mitarbeitern Himmlers geführten Dienstkalendern (für die Schlüsseljahre 1941 und 1942 von Peter Witte, Michael Wildt, Martina Voigt, Dieter Pohl, Peter Klein, Christian Gerlach, Christoph Dieckmann und Andrej Angrick wegweisend bearbeitet) ist der vorliegende Taschenkalender von Himmler persönlich und handschriftlich geführt worden. Ihm können zunächst allerdings nur kurze Notizen entnommen werden. Sie geben Auskunft darüber, wann sich der „Reichsführer SS“ und „Chef der deutschen Polizei“ wo aufhielt und mit wem er zusammentraf.

          Gründliche historische Recherchen ermöglichen es, ein umfassendes Bild von seinen Aktivitäten zu gewinnen. Alle verfügbaren Quellen, die Informationen zum Tagesablauf Himmlers bieten, wurden herangezogen und mit den Einträgen des Terminkalenders verknüpft. Der Inhalt des „Egodokuments“ wird vollständig wiedergegeben. Dazu gehören zwei Zahlen, die Himmler täglich notiert hat. Mit Rot hielt er fortlaufend jeden Tag seit Kriegsbeginn am 1. September 1939 numerisch fest. Mit Grün trug er sein tägliches Körpergewicht ein. Beide Notizen zeigen paradigmatisch, dass Politisches und Privates, Unerhörtes und Banales in dem Kalender wie selbstverständlich nebeneinanderstehen. Die Zählung der Kriegstage verweist auf die Bedeutung, die der Hitler-Intimus der Entfesselung des Vernichtungskriegs von Anfang an beimaß. Himmler wusste wie sein „Führer“, dass eine „völkische Neuordnung“ Europas und ein beispielloser Ausrottungsfeldzug gegen Juden, Behinderte und „Reichsfeinde“ nur während eines Krieges umsetzbar waren.

          Der persönliche Taschenkalender Himmlers für das Jahr 1940 wird durch weitere Quellen aus diesem Jahr editorisch ergänzt. Hierzu zählen ein Termintagebuch Himmlers für dieses Jahr, das von seiner Sekretärin Erika Lorenz beziehungsweise von seinem Adjutanten Joachim Peiper geführt wurde, sowie Eintragungen seines persönlichen Referenten Rudolf Brandt in Himmlers Diensttagebuch. So wird der Tagesablauf Himmlers sehr genau dokumentiert. Präzise und umsichtig recherchierte Fußnoten erläutern den historischen Kontext.

          Die Edition belegt, dass der „Reichsführer SS“ mit sehr hohem persönlichem Einsatz bestrebt war, seine rassistischen und antisemitischen Zielvorstellungen im gesamten NS-Herrschaftsgebiet umzusetzen. Er war an mindestens 239 Tagen zeitweilig in und an mindestens 186 Tagen außerhalb von Berlin aktiv. So beginnt Himmler beispielsweise am Samstag, dem 4. Mai 1940, den Arbeitstag in seinem Büro im Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Er ernennt Rudolf Höß offiziell zum Kommandanten des Konzentrationslagers in Auschwitz. Gegen 11 Uhr startet er vom Flughafen Tempelhof nach „Litzmannstadt“. Später besichtigt Himmler das einen Monat zuvor abgeriegelte Getto in Lodz.

          Neben solchen Aktivitäten zur Radikalisierung der Judenverfolgung stehen Einträge, die das Privatleben Himmlers beleuchten. Er geht mit seiner Tochter Gudrun („Püppi“) zum Eislauf, registriert Krankheiten seiner Ehefrau Margarete („Mami“), besucht immer wieder seine „Mutti“ in München. Politisches und Privates ist bei dem Protagonisten der „Endlösung“ eng miteinander verknüpft. So nimmt er nicht selten das Mittag- oder Abendessen beim „Führer“ ein. Der Taschenkalender belegt seinen privilegierten Zugang zu Hitler. Er trifft mit ihm oftmals mehrfach in der Woche zusammen, manchmal noch spät in der Nacht. Knapp hundert Zusammenkünfte lassen sich für dieses Jahr belegen. Sie verweisen darauf, wie eng Himmler und Hitler im Vorfeld des Holocausts kooperiert haben.

          Himmlers antreibende Rolle bei der Radikalisierung der NS-Politik wird durch seine zahlreichen Besuche in Konzentrationslagern deutlich. Der „Reichsführer SS“ zeigt demonstrativ vor Ort Präsenz, er besucht wiederholt die Lager in Auschwitz, Buchenwald, Dachau, Ravensbrück und Sachsenhausen. Durch das Oranienburger Konzentrationslager führt er eine Gruppe spanischer Faschistenführer am 30. August 1940 sogar persönlich. Die Edition des Taschenkalenders wird von den Herausgebern und Fachleuten, die zu Himmlers Person und seinen Tätigkeitsfeldern Auskunft geben, kompetent begleitet. Ein Personenglossar legt den biographischen Hintergrund aller in dem Kalender erwähnten Gesprächspartner Himmlers dar, ein Personenregister und ein geographisches Register helfen bei der Erschließung und Auswertung der Quelle. So ist die Edition des Taschenkalenders einer der treibenden Kräfte des NS-Völkermordens in vorbildlicher Weise gelungen.

          Markus Moors/Moritz Pfeiffer (Herausgeber): Heinrich Himmlers Taschenkalender 1940. Kommentierte Edition. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2013. 510 S., 39,90 €.

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