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Marietta Slomka: Kanzler, Krise, Kapital : Zweierlei Sendung

Marietta Slomka am 12. August 2013 in Berlin Bild: dpa

Marietta Slomka kann nicht nur im Fernsehen moderieren, sondern auch am Schreibtisch Bücher verfassen. Und so will sie schon zum zweiten Male ahnungslosen Lesern Politik erklären.

          Die ZDF-Moderatorin Marietta Slomka hat schon einmal kurz vor einer Bundestagswahl ein Buch über Politik geschrieben. Es hieß „Kanzler lieben Gummistiefel. So funktioniert Politik“, erschien im März 2009 und richtete sich an Kinder ab zwölf Jahren. Marietta Slomka präsentierte darin eine Art kleines Einmaleins der Politik und des Politikbetriebs; die Kritik lobte damals ihre lockere, pointierte Darstellung komplizierter politischer Zusammenhänge. Das Buch war ein großer (Verkaufs-)Erfolg, offenbar nicht nur bei Kindern, sondern auch bei deren Eltern.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Was damals gelang, soll jetzt wiederholt werden - nur länger und ausführlicher und von vornherein für Erwachsene konzipiert. „Es scheint einen Bedarf zu geben für ein Buch, das grundsätzliche politische Fragen, mit denen man sich seit Schulzeiten nicht mehr beschäftigt hat, noch mal diskutiert“, schreibt die Autorin im Sommer 2013, wiederum kurz vor einer Bundestagswahl, im Vorwort ihres neuen Buchs. Es trägt nicht von ungefähr einen ganz ähnlichen Titel: „Kanzler, Krise, Kapital. Wie Politik funktioniert“. Einige Passagen sind darin aus dem alten Buch übernommen worden.

          Frau Slomka gesteht gleich im Vorwort Unsicherheiten ein: darüber, wie „hoch“ man ein solches Buch für Erwachsene hängen sollte: Wie viel Allgemeinbildung setzt man voraus? Was erklärt man noch einmal ganz von vorn? Richtet man sich an Leser, die ihre politischen Kenntnisse aus dem heute journal beziehen, das Marietta Slomka moderiert? Schon dort hat sie ja die Neigung, Themen so zu präsentieren, als hätte sie weitgehend ahnungslose Zuschauer vor sich.

          In „Kanzler, Krise, Kapital“ fiel diese Entscheidung für eine Zielgruppe, die sich vermutlich wirklich seit der Schulzeit nicht mehr näher mit Politik beschäftigt hat, und für solche Leser mag es auch ein lobenswertes Unternehmen sein. Für einen einigermaßen interessierten, ab und an Zeitung lesenden Nutzer jedoch ist es eine Zumutung mit Langzeitwirkung. Es enthält über 530 Seiten kaum Neues und nur wenig darüber, wie Politik wirklich „funktioniert“. Grob gliedert sich das Buch in einen Teil allgemeiner Demokratieeinführung und drei Kapitel über deutsche, europäische und internationale Politik. Es ist als Handbuch angelegt, der Leser ist zum kursorischen Stichwortsuchen eingeladen. Nicht immer ist aus den Kapitelüberschriften aber auch ersichtlich, worum es genau geht („Höhenrausch in der Todeszone“, „Wer profitiert, leidet manchmal aber auch“), und der Aufbau ist nicht immer schlüssig: Auf ein Kapitel über Staatsschulden folgt unvermittelt eines über die politische Immunität und das deutsche Gerichtswesen.

          Marietta Slomka beginnt mit einem Plädoyer für die Demokratie: „Wählen zu gehen mag uns oft lästig sein. Auch ich marschiere manchmal eher lustlos in das Wahllokal in der Grundschule nebenan, um meiner Bürgerpflicht bei irgendeiner Kommunalwahl nachzukommen. Aber dann werde ich in unserer Sendung wieder damit konfrontiert, dass anderswo Menschen bereit sind, für ein freies Wahlrecht zu sterben. Grausame Folter und sogar den Tod zu riskieren. Nur um wählen gehen zu dürfen. Das muss man sich vorstellen, in aller Konsequenz - da stellen sich einem die Nackenhaare hoch.“

          So recht sie damit einerseits natürlich hat, so deutlich sieht man andererseits an dem Zitat auch, wie sich die Autorin mit einer Mischung aus klischeehaften und emotionalen Schilderungen auf Augenhöhe mit ihrem vermuteten Leser zu begeben versucht. Harte Fakten, die man gern und dankbar nachliest, wechseln mit grundsätzlichen Erwägungen, die oft in einem unentschiedenen Sowohl-als-auch enden. Alles wird mit etwas Humor garniert à la „Wäscht man Geld bei 30, 60 oder 95 Grad?“.

          Diese Haltung kennzeichnet vor allem, aber nicht nur den ersten Teil, der sich unter dem Titel „Pluralismus ist schön, macht aber viel Arbeit“ mit den Grundlagen der deutschen Politik beschäftigt. Die Autorin erklärt darin die Funktion der Parteien, die Trennung von Kirche und Staat, die Soziale Marktwirtschaft, das Wahlrecht, den Parlamentsalltag, die Rolle der Gewerkschaften, Gerichte und Medien, erörtert die Frage, wie vorbildlich Politiker sein müssen, und liefert zum Kapitelschluss ein wegen seiner Knappheit lesenswertes Glossar von Berliner Insider-Vokabeln, von „Agenda-Politik“ und „Andenpakt“, über das „Durchstechen“ und „Paketeschnüren“ bis zu „Störfeuer“ und „Testballon“.

          Die politischen Episoden, die Marietta Slomka dazu erzählt, sind zum Teil historisch, zum Teil hoch aktuell; bis hin zur NSA-Affäre dieses Sommers reichen die Ereignisse, die aufgenommen werden konnten. Nicht immer wird alles korrekt dargestellt: dass sich beispielsweise Andrea Ypsilanti mit den Stimmen der Linkspartei zur hessischen Ministerpräsidentin habe wählen lassen, stimmt nicht; in Hessen ist es noch in lebhafter Erinnerung, dass und wie dieser Plan vereitelt wurde.

          Der zweite und dritte Teil beschäftigt sich mit der EU und ihren Institutionen, der Rolle Amerikas und Russlands nach dem Kalten Krieg, dem Nahost-Konflikt, mit Al Qaida und den Vereinten Nationen. Hier wird der Ton angenehm nüchtern, die Autorin bringt ihre persönliche Sicht seltener ein. Mit erstaunlichem Fleiß ackert sie sich durch ein Politikfeld nach dem anderen, doch tief gräbt sie dabei nicht. Referenzen auf ihre Quellen fehlen bis auf ein paar Namensnennungen völlig. Auch mit Fußnoten wird der Leser nicht behelligt. Bleibt die Frage, ob man so weit vereinfachen muss. Ist dies der richtige Weg, um politikferne Leser ins Zentrum des Geschehens oder doch zumindest an die Wahlurnen zu locken? Möglich, dass es - leider - so ist.

          Marietta Slomka: Kanzler, Krise, Kapital. Wie Politik funktioniert. C. Bertelsmann Verlag, München 2013. 544 S., 19,99 €.

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