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Margot Käßmann: Gott will Taten sehen : Nicht alles ist Widerstand

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Bild: dpa

In den von Margot Käßmann herausgegebenen Texten äußern sich tiefe Frömmigkeit, Nächstenliebe, Unzufriedenheit oder Unmut, Versuche der Nichtanpassung und des Bewahrens eigener Identität, aber auch offen geäußerter Protest bis hin zum Widerstand im engeren Sinn mit dem Ziel, das totalitäre Regime zu stürzen.

          Dieses „Lesebuch“ umfasst 52 bewegende Zeugnisse aus der Widerstandsgeschichte im „Dritten Reich“. Sie stammen überwiegend von Mitgliedern der evangelischen Kirchen. Ergänzt werden sie durch ein paar „offiziöse“ und kollektive Dokumente: einen Auszug aus der Barmer Theologischen Erklärung vom Mai 1934, einen Gestapo-Bericht über den Protest von Katholiken gegen eine Kundgebung der vom Regime unterstützten Deutschen Glaubensbewegung in Münster vom Mai 1935, Auszüge aus der Denkschrift der „radikalen“ Bekennenden Kirche vom Mai 1936 und die Grundsätze für die Neuordnung des Kreisauer Kreises vom August 1943.

          Bei den sehr unterschiedlichen Zeugnissen des „anderen Deutschland“ - Protestbriefe, Predigten, Gedichte, Abschiedsbriefe, Erinnerungen - handelt es sich um Äußerungen teils bekannter, teils weniger bekannter Verfasser, deren religiöse Überzeugung Quelle ihres Muts und moralischer Kompass war, sich dem Nationalsozialismus mit seiner rassistischen und totalitären Weltanschauung zu widersetzen. Viele von ihnen erlitten Verfolgung und Haft, nicht wenige wurden ermordet. Wie vielschichtig die Persönlichkeiten und ihre Motivationen waren, belegen die Texte. In ihnen äußern sich tiefe Frömmigkeit, Nächstenliebe, Unzufriedenheit oder Unmut, Versuche der Nichtanpassung und des Bewahrens eigener Identität, aber auch offen geäußerter Protest bis hin zum Widerstand im engeren Sinn mit dem Ziel, das totalitäre Regime zu stürzen.

          Die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann hat ihr Buch in neun chronologische Kapitel gegliedert, sich also nicht an Kriterien widerständigen Verhaltens oder der Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Widerstandsgruppen orientiert. Die Kapitel werden mit knappen historischen Erläuterungen eingeleitet; die abgedruckten Zeugnisse sind mit kurzen Lebensbildern der Autoren versehen, wobei der Zeitpunkt der Abfassung des zitierten Textes das Leben davor wie eine biographische Grenzscheide vom Schicksal danach trennt. Über die Auswahl ließe sich trefflich streiten. So drängt sich die Frage auf, warum in einem Buch mit dem Titel „,Christlicher’ Widerstand“ protestantische Widerständler zu zwei Dritteln, katholische aber nur zu einem Drittel repräsentiert sind. Dass Katholiken unter Hinweis auf das Reichskonkordat es „besonders schwer mit dem Widerstand“ gehabt haben sollen, kann dafür jedenfalls nicht als Begründung dienen. Ein Blick auf die Namenslisten der Publizisten (angefangen mit Fritz Gerlich), christlicher Gewerkschafter, Zentrumspolitiker, „Priester unter Hitlers Terror“ (so der Titel eines Lexikons) hätte die Herausgeberin eines Besseren belehrt.

          Nicht ganz zu Unrecht kritisiert Frau Käßmann das Verhalten der Kirchen, die nicht „hilfreich“ gewesen seien. Hat sie aber daran gedacht, welche Konsequenzen offener Protest haben konnte? So führte der Protest der niederländischen katholischen Bischöfe von 1942 gegen die Verfolgung von katholischen „Nichtariern“, dem sich im Übrigen die protestantischen Bischöfe verweigerten, zur sofortigen Deportation von 244 konvertierten Juden, unter ihnen Edith Stein.

          Kritikwürdig ist der Umgang von Frau Käßmann mit dem Begriff Widerstand, wenn sie die Brücke schlägt zwischen dem Widerstand im „Dritten Reich“ und dem „Widerstand“ im freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat. Den Widerstand im totalitären Regime gleichzusetzen mit „unbequem“ sein und „sich einmischen“ unter heutigen Bedingungen, relativiert, ja minimiert den „Aufstand des Gewissens“ gegen die Gewaltherrschaft. Es ist unangemessen, wenn die ehemalige Präsidentin der „Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen“ und Mitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen, den Rat als „legitimen Erben der Widerstandskräfte der Nazizeit“ bezeichnet und sich heute fragt, „wo unsere Widerstandskraft gefordert ist“. Diese begriffliche Unklarheit trägt nur zur Verwirrung in der Sache, nicht aber zur Aufklärung bei. Sieht man von diesen Einwänden einmal ab, ist das für ein breiteres Publikum gedachte Lesebuch durchaus verdienstvoll, weil es zugleich lehrreich ist.

          Margot Käßmann (Herausgeberin): Gott will Taten sehen. Christlicher Widerstand gegen Hitler. Ein Lesebuch. C.H. Beck Verlag, München 2013. 479 S., 19,95 €.

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