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Manuel Seitenbecher: Mahler, Maschke & Co. : Von Schwenk zu Schwenk

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Horst Mahler auf einer NPD-Veranstaltung am 8. Juni 2002 Bild: Ullsteinbild

Während die radikalsten Vertreter in den Linksterrorismus abglitten, bewegte sich ein kleiner Teil der Achtundsechziger Bewegung nach rechts. Manuel Seitenbecher fragt nun, ob dieser Rechtsdrall bereits in den 1960er Jahren angelegt gewesen sei.

          Als Curzio Malaparte im Juli 1957 auf seinem Sterbebett lag, stand schon länger fest, wer sein Erbe erhalten sollte: die Volksrepublik China. Der italienische Schriftsteller hatte innerhalb von nur zwei Jahrzehnten eine vollständige Wende vollzogen. Er war vom glühenden Faschisten zum radikalen Kommunisten mutiert. Sein schillernder Lebenslauf ist nur ein Indiz für die ganz grundlegende Herausforderung, vor der unruhige Geister in der „Zeit der Ideologien“ (Karl Dietrich Bracher) standen. Viele Intellektuelle waren - und sind es gelegentlich heute wieder - vom langwierigen Durchwursteln des mittelmäßigen Personals in den parlamentarischen Demokratien westlichen Zuschnitts angewidert. Aus ihrer Sicht sollte alles viel großartiger sein - vor allem sollte mehr auf sie gehört werden. Denn Intellektuelle waren die Hohenpriester der reinen Lehre. Sie konnten den Gang der Welt nicht nur erklären, sondern auch prognostizieren.

          Dieser Hang zur Selbstüberschätzung - ja zur Egomanie - beflügelte auch die Protagonisten der Achtundsechziger Bewegung. Sie meinten, mit ihrem kommunistischen Rüstzeug die Realität der Bundesrepublik Deutschland, ja der gesamten kapitalistischen Welt erkannt zu haben. Tilman Fichter - einer der fünf Protagonisten, die in der Studie eingehend untersucht werden - brachte es aus der Rückschau des Jahres 1998 auf den Punkt: „Einer unserer schwerwiegenden strategischen Fehler war zweifellos, dass wir damals glaubten, diese Analysen der ,Kritischen Theorien‘ aus der Zwischenkriegsperiode seien auch für uns unmittelbar gültig. Die Parallelisierung unterschiedlicher Epochen führte schließlich in unseren Köpfen zu einer fatalen Identifikation der 30er Jahre mit den 60er Jahren. Das geschichtsblinde Denken in historischen Analogien erzeugte schließlich den RAF-(Un-)Geist beziehungsweise die Wahnwelt der maoistischen Kleinstparteien.“ Dass die ganz überwiegende Mehrheit der Deutschen von dieser völlig verqueren Lagebeschreibung nichts wissen wollte, war ein Glücksfall für die Bundesrepublik - gleichzeitig ist darin die Tragik dieser Männer enthalten.

          Aus diesem fulminanten Fehlschlag heraus entwickelten sich ganz unterschiedliche Stränge: Während die radikalsten Vertreter in den Linksterrorismus abglitten, bewegte sich ein kleiner Teil der Achtundsechziger Bewegung nach rechts. Manuel Seitenbecher fragt nun, ob dieser Rechtsdrall bereits in den 1960er Jahren angelegt gewesen sei. Der Autor untersucht neben Tilman Fichter vier weitere Akteure der Studentenbewegung - Bernd Rabehl, Horst Mahler, Reinhold Oberlercher und Günter Maschke - und beleuchtet intensiv ihre Beziehungen zu rechtem Gedankengut. Dabei unterstreicht er gebetsmühlenartig die „Heterogenität der Bewegung“ und wendet sich mit vielen Belegen gegen die These, dass es „eine geschlossene Strömung nationaler oder (neu)rechter Alt-68er“ gebe. Der Historiker spürt den spezifischen Motivationen nach und kann mit biographischen Tiefenbohrungen nachweisen, dass es höchst individuelle Beweggründe waren, die einen Schwenk nach rechts sinnvoll erscheinen ließen.

          Jenseits dieses Befundes fehlt es der in biederer Sprache abgefassten Studie an übergreifenden Erklärungen. Zuweilen arbeitet der Autor Gemeinsamkeiten heraus, denen zu folgen sich höchstwahrscheinlich als lohnend herausgestellt hätte: Radikalismus und Extremismus von links und rechts, Feindschaft gegen den Status quo, Absolutheitsanspruch der jeweils aktuellen Weltanschauung. Überhaupt fehlt der Studie eine historische Tiefendimension, welche die Phänomene der 1960er Jahre in einen größeren Zusammenhang hätte rücken können. Ganz offenkundig ist doch die gemeinsame Frontstellung der Links- und Rechtsextremen der Antiliberalismus. Die intensive Beleuchtung dieser verbindenden Klammer - der Ablehnung von individuellen Freiheitsrechten sowie der Entgrenzung staatlicher Herrschaft - hätte der Studie eine weite Perspektive geben können. Dies ist leider unterblieben - eine verpasste Chance.

          Manuel Seitenbecher: Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung? Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 557 S., 39,90 €.

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