https://www.faz.net/-gpf-9qr7e

„Mandarine“ : Anwälte guten Regierens

  • -Aktualisiert am

Die Macht im Hintergrund: Szene aus der BBC-Serie „Yes, Prime Minister“. Die mächtigen Beamten halten in der Öffentlichkeit Abstand zum „Chef“. Bild: Getty

Sie sind die Macht hinter der Macht. Sollten sie auch verstärkt öffentlich Einfluss auf Entscheidungen nehmen?

          4 Min.

          Das Oxford English Dictionary bezeichnet sie als mächtige Seniorbürokraten. In der Regel gelten sie als konservativ und äußerst verschwiegen. Sie bilden traditionell die politischen und die gesellschaftlichen Führungsschichten, fungieren als loyale Ratgeber und geben dem Beamtenstaat das Profil, das kein Gesicht haben darf. Die franziskanische Selbstverleugnung im Dienste der Sache, der die Anstrengungen des Hinterzimmers nicht anzumerken sind, steht dabei in einem bemerkenswerten Gegensatz zur Hektik des offiziellen politischen Betriebs. Demut, Bescheidenheit und politisches Pflichtbewusstsein sind die maßgeblichen Konstanten dieses Wertesystems der „old boy“-Netzwerke. Klassischerweise in Oxford oder Cambridge ausgebildet, hat man es mit einer mönchischen Ordnung gleichgesetzt.

          Keine Fernsehserie der achtziger Jahre hat dies so vortrefflich auf den Punkt gebracht wie die Politik-Sitcom „Yes Minister“. Diese wie auch nachfolgend „Yes, Prime Minister“ soll von Margaret Thatcher besonders geschätzt worden sein – weil grundsätzliche Themen wie politische Treue, eine traditionsbewusste Beamtenkaste und Sparsamkeit im Umgang mit öffentlichen Mitteln britisch humorvoll zur Sprache kamen.

          Die seinerzeitige, weniger für ihren Humor bekannte Premierministerin besaß gleichwohl ein feines Gespür dafür, dass ihr Amt und die Posten ihrer Minister zu einem wichtigen Teil von individuellen Mittlern abhingen. Schon Lloyd George richtete ein Team ranghoher Berater ein, das die Bezeichnung „Garden Suburb“ trug, vermutlich weil die Gespräche im Garten nicht protokolliert wurden. Harold Wilson sowie Tony Blair schufen sich „spin doctors“ in ihrem Umfeld, deren professionelle Qualität sich in ihrer Unsichtbarkeit und angeblichen Selbstlosigkeit bemaß. Das Privileg der Macht lag im Verborgenen ihrer Ausübung.

          Der Unterschied im Selbstverständnis zwischen dem bürokratischen Funktionär auf der einen Seite und dem politischen Grenzkämpfer auf der anderen, der in der Einsamkeit fortwährender öffentlicher Bewährung seine Persönlichkeit ausbildet, könnte jedenfalls nicht grundsätzlicher sein. Aktuell ist am Beispiel von Boris Johnson beobachtbar, wie für seine Sozialisation auf der Karriereleiter bis in die Downing Street 10 Zähigkeit als auch eine Form des Aufbegehrens gegen die Staatsdiener miteinander verwoben sind.

          Dennis C. Grube nimmt in seinem klug argumentierenden und an eine breite Leserschaft gerichteten Buch genau diese sogenannten „Mandarine“ in den Blick, indem er ihnen kraft ihres Expertenstatus die Neuverpflichtung zuschreibt, sich aktiver in die politische Debatte einzumischen. Durch ein Megaphon zu sprechen, sei zwar gegen ihre Natur, weshalb der Buchtitel auf den ersten Blick widersprüchlich ist. Aber in einer Zeit, in der der private Sektor mehr denn je seine unflexiblen Strukturen ablehne und die Politik angesichts dauerhafter Medienpräsenz weniger auf Beratung als auf praktische Durchführung setze, sei es notwendig geworden, ihre Stimme laut zu vernehmen. Grubes Beispiele sind Großbritannien, Australien, Neuseeland und Kanada, die vier auf das Westminster-System zugeschnittenen Demokratien; eine Hintergrundfolie für sein Argument bilden die Vereinigten Staaten. Ungeachtet ihrer gänzlich verschiedenen historischen Voraussetzungen nennt er die Mischform aus beiden „Washminster“.

          Weitere Themen

          „Eine gute Nachricht“ Video-Seite öffnen

          Merkel zum Brexit-Deal : „Eine gute Nachricht“

          Bei ihrer Ankunft in Brüssel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, dass sie besonders erfreut sei, dass irische Premier mit dem Deal zufrieden sei. Die Einigung auf einen neuen Deal sei eine „gute Nachricht“.

          Die Stadt Wiesbaden als Beute

          Politisches Lehrstück : Die Stadt Wiesbaden als Beute

          Kommunen wie Wiesbaden bilden den idealen Nährboden für Korruption, weil dort immer wieder dieselben Akteure aufeinandertreffen. Ewald Hetrodt hat darüber ein politisches Lehrstück geschrieben – ein Vorabdruck.

          Topmeldungen

          Ruinerwold in Aufruhr : Polizei nimmt auch Vater der isolierten Familie fest

          Fassungslos reagieren die Einwohner des niederländischen Dorfes Ruinerwold auf die mutmaßliche Freiheitsberaubung einer ganzen Familie zu der immer mehr Details ans Licht kommen. Nun hat die Polizei einen zweiten Verdächtigen verhaftet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.