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Emmanuel Macron : Der Zweckoptimist

Emmanuel Macron am 21. Juni 2021 in Paris. Bild: AFP

Frankreichs Staatspräsident ist unbeliebt - und hat doch gute Chancen auf Wiederwahl. Warum eigentlich?

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          Seit Friedrich Sieburgs „Gott in Frankreich?“ hat sich in der Berichterstattung über den Nachbarn auf der anderen Seite des Rheins das Bild eines liebenswerten, aber vormodernen, ja reformresistenten Landes gehalten. Die turbulenten Jahre der Ära Macron scheinen sich in dieses Wahrnehmungsmuster einzufügen. Die „widerspenstigen Gallier“, über die sich der junge Präsident bei einem Besuch im kühlen, protestantischen Dänemark beklagte, zogen gelbe Warnwesten an und probten wochenlang den Aufstand. Der Groll ist mit der Pandemie nicht verschwunden. Aber nicht nur das Vorurteil vom irgendwie rückständigen, renitenten Frankreich wurde in der Ära Macron von der gelben Wut bedient. Das Sendungsbewusstsein des Präsidenten förderte die in Deutschland vorherrschende Lesart, dass da ein wirtschaftlich dekadentes Land mit großen europa- und weltpolitischen Ambitionen auftrumpft. Mit der Sorbonne-Rede hat Macron ein Ideen-Feuerwerk gezündet, das überwältigte und zugleich verstörte. Es braucht intime Landeskenntnis, die beiden Frankreich-Stereotypen aufzulösen oder – um Macron zu zitieren – „zu dekonstruieren“. Dem 35 Jahre alten Historiker Joseph de Weck gelingt das ganz trefflich in seinem Erstlingswerk über „Emmanuel Macron. Der revolutionäre Präsident“. Der Titel bezieht sich auf das Wahlkampfbuch Macrons „Revolution“. Es ist das bisher einzige Werk, das der 8. Präsident der V. Republik veröffentlicht hat und liegt in teilweise verbesserungswürdiger Übersetzung in deutscher Sprache (Morstadt Verlag) vor.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          De Wecks Verdienst besteht darin, dass er Macrons revolutionären Anspruch nicht pauschal als französische Überheblichkeit interpretiert, sondern genau darlegt, warum Frankreich sich in den Revolutionswirren eine universalistische Mission zuschrieb, die bis heute nachwirkt. Damals galt es, sich mit dem Narrativ gegen die geballte Macht der europäischen Monarchien zu behaupten, die eine Restauration anstrebten. Heute braucht Frankreich wieder eine Selbsterzählung, die es an seine Rolle in Europa und an sich selbst glauben lässt. De Weck zitiert gleich eingangs Napoleon: „Die Franzosen wollen mit Träumen regiert werden.“ Diesen Auftrag hat sich Macron, der Zweckoptimist, zugeschrieben.

          Der biographische Strang in dem Buch ist teils nachlässig recherchiert, etwa wenn de Weck Macron unterstellt, die Aufnahmeprüfung in die Eliteverwaltungshochschule Ena nicht auf Anhieb bestanden oder den Philosophen Paul Ricœur während eines Studiums an der Universität Nanterre kennengelernt zu haben. Der Autor glänzt vielmehr darin, die französischen Krisen und Stimmungen der jüngsten Jahre zu analysieren. Er skizziert ein vielschichtiges Sittenbild Frankreichs. Macron ist der Fixpunkt, von dem sich de Weck immer wieder entfernen muss, um klar zu sehen.

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