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Linke Nöte : Als die linke Welt in Unordnung geriet

  • -Aktualisiert am

Lech Walesa spricht auf einer Kundgebung der Solidarnosc im Jahr 1988. Bild: picture-alliance / dpa

Solidarität? Verbal immer. Aber doch nicht als Name für eine Gewerkschaftsopposition im „Arbeiterstaat“

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          In der Bundesrepublik war das Ende des „roten Jahrzehnts“ mit sozialdemokratisch geführten Regierungen schon 1979 absehbar. Weltpolitisch deuteten sich signifikante Wandlungen im sowjetischen Machtbereich an, wo die UdSSR ganz offensichtlich den Willen zur Macht verlor. Die unabhängige polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarność wurde zwar bekämpft, aber die Brutalität fehlte, mit der 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei die Opposition niedergeknüppelt worden war. Welche Konsequenzen zog die westdeutsche Linke aus diesen Veränderungen? Während sich manche kommunistische Kadergruppen mit den Regimes im Ostblock identifizierten und die linksliberale Öffentlichkeit mit „Zurückhaltung und Distanz“ auf die als irritierend wahrgenommene Solidarność reagierte, gab es auch andere Tendenzen. Der Verfasser der vorliegenden Studie, einer in München entstandenen Dissertation, widmet sich nicht zuletzt der westdeutschen Initiative „Solidarität mit Solidarność“, deren Kampagne bislang wenig Beachtung gefunden hat.

          Zu den rund 60 namentlich bekannten Fürsprechern zählten linke Sozialdemokraten wie Iring Fetscher, Peter von Oertzen und Carola Stern, aber auch versprengte Linke vom Sozialistischen Büro und diverse trotzkistische und maoistische Gruppen. Von den Grünen gehörten Joschka Fischer, Petra Kelly, Otto Schily und Antje Vollmer dazu. Die disparate linksorientierte Hilfsallianz konnte zudem auf Unterstützung von DDR-Dissidenten wie Wolf Biermann, Rudolf Bahro und Stefan Heym zählen. Sie setzten auf eine blockfreie und friedensbewegte Entwicklung, ohne den Sozialismus aufgeben zu wollen. Immer häufiger wurde ein „dritter Weg“ für Europa beschworen, eine recht unbestimmte Formel, die allerdings den Vorteil hatte, für manche Linksliberale, Linkssozialisten und Grüne der ersten Generation den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Zusammenarbeit zu bilden. Den mächtigen Einfluss der polnischen katholischen Kirche, der quer zur eigenen Ideologie stand, blendeten die linken Solidarność-Unterstützer, die ernüchtert aus der „mythologischen Sonderwelt“ (Gerd Koenen) ihrer Utopien erwachten, allerdings lieber aus.

          In der Zeit des neuen sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow erlahmte die ohnehin bescheidene Initiative „Solidarität mit Solidarność“; manche der Linkssozialisten sahen in Gorbatschow zunächst einen Erneuerer, bevor sie schließlich auch diese übersteigerten Hoffnungen auf einen geläuterten Sozialismus Moskauer Prägung fahren lassen mussten.

          Die Formel eines „dritten Weges“ war umso verführerischer, als er auch nach dem Fall der Mauer und dem Ende des SED-Regimes für orientierungslose und zersplitterte Linkssozialisten ein Rezept für die Zukunft zu sein versprach. Sie deuteten den Zusammenbruch des Herbsts 1989 als Zeichen für eine „friedliche Revolution“ und waren umso enttäuschter, als sich die Ostdeutschen in Wahlen für einen anderen Weg entschieden: „Was ist das für eine Revolution, die auf Knien in die Weltbank führt?“, klagte hilflos die enttäuschte linke Grüne Jutta Ditfurth auf einer Veranstaltung. Die Ergebnisse der ersten gesamtdeutschen Wahlen führten bei einem Leser der linken „taz“ gar zum Vorschlag, „den 3. Oktober unter Vollnarkose zu verbringen“.

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