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Linke Gewalt : Honecker ein Linksautonomer?

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Dann die Bundesrepublik: Bis in die sechziger Jahre habe linke Gewalt eine geringe Rolle gespielt, mit der Neuen Linken und der Radikalisierung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) habe sich das geändert. Hier zitieren die Autorin und der Autor das „Organisationsreferat“, in dem Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl im September 1967 eine „Propaganda der Tat“ forderten, eine „Urbanisierung ruraler Guerrilla-Tätigkeit“. Es sei nicht nur über Gewalt diskutiert worden, sondern auch zu Ausschreitungen gekommen, etwa im April 1968 nach dem Attentat auf Dutschke. Anfang der siebziger Jahre seien dann linksterroristische Gruppierungen wie die Bewegung 2. Juni und die RAF entstanden.

Wenn die Autorin und der Autor schließlich schreiben, die militante Linke habe seit Ende der sechziger Jahre einen Straßenkampf gegen das System propagiert, der „in Logik und Bedeutung an die Straßenkämpfe in der Weimarer Republik“ angeknüpft habe, schießen sie deutlich übers Ziel hinaus: Während die Weimarer Republik das Jahr 1923 fast nicht überlebt hätte, gibt es in der Geschichte der Bundesrepublik keinen vergleichbaren Moment.

Es geht weiter: Hausbesetzungen, Antiatomkraftbewegung, Proteste gegen die Startbahn West am Flughafen Frankfurt, die Entstehung autonomer Bewegungen und der G-8-Gipfel in Heiligendamm. In einer Tour werden Ereignisse kurzgeschlossen. Stattdessen hätte man Vergleiche ziehen, Anlässe unterscheiden, Entwicklungen und Veränderungen nachzeichnen können: Wann ist Gewalt reaktiv, wann richtet sie sich gegen den Staat, welche Rolle spielen jeweils Lebensgefühl oder Ideologie? Differenzierung scheint freilich nicht das Anliegen der Autoren zu sein.

Möglicher Kritik will das Buch gleich zu Anfang den Wind aus den Segeln nehmen. Wer über linke Gewalt schreibe, müsse sich von „vornehmlich linken Sozialwissenschaftlern und Journalisten“ bald anhören, er relativiere rechte Gewalt. Doch die Autorin und der Autor selbst bemühen Vergleiche: „Linksextreme Gewalt wird von den Akteuren stärker als rechtsextreme bewusst eingesetzt und politisch begründet.“ Sie richte sich stärker „gegen das System“. Was „stärker“ heißen soll, bleibt allerdings unklar. Rechte Gewalt entspringt häufig, wie es in dem Buch zu Recht heißt, rassistischem Hass; richtet sich aber oft ebenfalls „stark“ gegen die bestehende Ordnung und wird „bewusst“ eingesetzt. Wie will man das sonst nennen? Das gilt für die Ereignisse in Chemnitz 2018 ebenso wie für den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Dessen Mitglieder konnten unbehelligt eine Serie von Morden begehen, beim Verfassungsschutz schredderte man später Akten.

Dass linke Gewalt weder verharmlost noch ignoriert wird, zeigt nicht nur ein Blick in die Zeitung. Zahlreiche ausgezeichnete historische Studien über linksextreme Gewalt in der Bundesrepublik kommen hinzu. Mit anderen Worten: Die These dieses Buches ist auf Sand gebaut.

Klaus Schroeder/ Monika Deutz-Schroeder: Der Kampf ist nicht zu Ende. Geschichte und Aktualität linker Gewalt. Herder Verlag, Freiburg 2019. 304 S., 26,-.

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