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Lernort Auschwitz : Der schwierige Weg zur Geschichte

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Häftlingsporträts im staatlichen Museum Auschwitz.Birkenau Bild: Imago

Wie kann man das Unfassbare vermitteln? Die Herausforderungen werden größer.

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          Als das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde, war nicht absehbar, dass Auschwitz einmal zum Synonym für NS-Verbrechen und Schoa werden würde. Auch hat sicher niemand damit gerechnet, dass sich dort im Laufe von sieben Jahrzehnten ein Gedenk- und Lernort von internationaler Bedeutung entwickeln würde, den mittlerweile etwa zwei Millionen Menschen jährlich besuchen, darunter nicht zuletzt Jugendliche. Während die einen, wie zuletzt Yasmina Reza in ihrem Roman „Serge“, diesen „Gedenktourismus“ inzwischen als „absurdes Theater“ beschreiben, verbinden andere mit dem Besuch von Auschwitz hohe Erwartungen. Gerade bildungspolitische Stellungnahmen erwecken manchmal den Eindruck, schulische Gedenkstättenfahrten seien ein absolut verlässliches Mittel zur Immunisierung gegen Populismus, völkischen Nationalismus und Antisemitismus.

          Für die Gedenkstätte Auschwitz unternimmt Christian Kuchler in einer innovativen empirischen Studie nun den Versuch, Anspruch und Wirklichkeit auf einer ebenso umfangreichen wie vielfältigen Quellenbasis miteinander zu vergleichen. Ausgehend von Informationen zur wechselvollen Geschichte der KZ-Gedenkstätte und zu den damit verbundenen Kontroversen, schildert Kuchler zunächst, wie sich schulische Rundreisen durch Polen in den 1980er Jahren allmählich entwickelten. Während Besuche in Auschwitz anfangs kaum mehr als ein kurzer „Zwischenstopp“ waren, rücken sie seit der Jahrtausendwende zunehmend von der Peripherie ins Zentrum des geschichtskulturellen Interesses. Vor allem für die Jahre 2010 bis 2019 kann Kuchler auf der Grundlage von weit über 50 handschriftlich verfassten Reiseberichten in dichter Beschreibung nachzeichnen, wie insbesondere Schüler aus Nordrhein-Westfalen ihre Gedenkstättenfahrten wahrgenommen haben. Auch wenn einige vor der Ankunft in Auschwitz von „Vorfreude“ sprechen, dominieren in den Berichten Gefühle der Unsicherheit und Angst vor emotionaler Überforderung. Während des Aufenthalts treten solche Emotionen zwar zurück, teilweise werden sie aber durch die in der Gedenkstätte ausgestellten Relikte der Ermordeten, durch die schiere Größe des ehemaligen Lagers Auschwitz II oder durch den Anblick des ikonisch gewordenen, zynischen Schriftzugs „Arbeit macht frei“ aufs Neue evoziert. Nach dem Besuch stellt sich dann manchmal „ein gewisser Stolz“ ein, an einer „Auschwitz-Exkursion“ teilgenommen zu haben. In einem Fall ist sogar die Rede von Birkenau als „Event“.

          Während die KZ-Gedenkstätte Auschwitz also einen unmittelbaren Erfahrungsraum für sehr heterogene Emotionen öffnet, stellt sich zugleich die Frage nach dem längerfristigen Erfolg historischer Lernprozesse. Obwohl Kuchler diese Frage, die methodisch nicht leicht zu klären ist, abschließend eher positiv beantwortet, legen seine Befunde doch auch Skepsis nahe. Jedenfalls zeigen acht Gruppendiskussionen, die er mit 33 Schülerinnen und Schülern ein bis zwei Jahre nach ihrem Aufenthalt in Auschwitz geführt hat, dass emotionale Eindrücke zwar nach wie vor sehr präsent sind, dass der Besuch als solcher aber nur einen begrenzten Beitrag zur Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins leisten kann. Ihre oft einseitige persönliche Identifikation mit den Opfern problematisieren die meisten Befragten offenbar ebenso wenig wie eine mangelnde Auseinandersetzung mit den Motiven der Täter, und das Spannungsfeld zwischen historischer Authentizität und musealer Gestaltung von Auschwitz wird kaum einmal zum Gegenstand der Reflexion. Immerhin bekunden fast alle Gesprächspartner eine klare Position „gegen rechts“, aber sie betonen zugleich, dass sie vor ihrem Besuch bereits dieselbe Haltung hatten. Dass solche Aussagen nicht selten den ungeschriebenen Regeln sozial erwünschter Kommunikation folgen, ist wohl wahrscheinlich.

          Insgesamt deuten Kuchlers Befunde einmal mehr darauf hin, dass die Herausforderungen historischen Lernens und die Aporien des Gedenkens in Zukunft eher größer als kleiner werden. Ob sich diese Befunde über die KZ-Gedenkstätte Auschwitz hinaus verallgemeinern lassen, müsste sicher intensiver diskutiert werden. Unstrittig ist aber, dass die Corona-Pandemie die Situation noch einmal grundlegend verändert hat. Im Jahr 2020 sind die Besuchszahlen in Auschwitz deutlich zurückgegangen. Daher ist es naheliegend, dass Kuchler auch nach den Potentialen virtueller Besuche fragt, die er zwar durchaus sieht, aber eher zurückhaltend einschätzt und als ergänzende Option betrachtet. Am Ende des Buches stehen dann Überlegungen zu „neuen Schwerpunkten“ für schulische Gedenkstättenfahrten. Auch wenn Kuchlers Anregung „Es muss nicht immer Auschwitz sein“ sprachlich vielleicht befremden mag und nicht alle Überlegungen völlig neu sind, so schärfen sie doch den Blick für bereits seit langem diskutierte Fragen. Wie lassen sich emotionale und kognitive Aspekte historischen Lernens sinnvoll miteinander verbinden? Wie ist ein angemessener Dialog möglich, der zwischen nationalen und internationalen, politischen, kulturellen und sakralen Dimensionen des Gedenkens vermittelt? Wie kann man an die Opfer erinnern, ohne die Auseinandersetzung mit den Tätern, Zuschauern und Mitläufern zu vernachlässigen? Und wie gelingt ein reflexiver Zugang zur Gedenkstätte Auschwitz, ohne den historischen Geschehensort zugleich zu entwirklichen? Ebenso bedürfen mindestens zwei weitere Fragen, die Kuchler noch intensiver hätte diskutieren können, der dauernden Reflexion. Was bedeutet es im 21. Jahrhundert und angesichts einer erkennbaren Verschiebung der Grenzen des Sagbaren eigentlich genau, mit Blick auf NS-Vergangenheit und Schoa historisch zu lernen? Und was geschieht, wenn Auschwitz zunehmend auf historische Lernzwecke oder gar die Funktion eines geschichtskulturellen Events reduziert wird?

          Christian Kuchler: Lernort Auschwitz. Geschichte und Rezeption schulischer Gedenkstättenfahrten 1980-2019. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 275 S., 26,– .

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