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Rechtsextreme Frauen : Verkannt?

  • -Aktualisiert am

Eine weibliche Teilnehmerin einer Veranstaltung der NPD am 1. Mai 2012 in Neumünster Bild: dpa

Esther Lehnert und Heike Radvan vertreten die Position, die Rolle von Frauen im Rechtsextremismus werde massiv unterschätzt. Der Fluchtpunkt ihrer Argumentation ist die These von der „doppelten Unsichtbarkeit“.

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          Dem Thema Rechtsextremismus widmen sich mitunter Autoren, die kaum Kenner der Materie sind. Das gilt auch für diesen Band. Die beiden Verfasserinnen - Esther Lehnert von der Alice Salomon Hochschule Berlin und Heike Radvan, Leiterin der Fachstelle „Gender und Rechtsextremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung - vertreten die Position, die Rolle von Frauen im Rechtsextremismus werde massiv unterschätzt. Der Fluchtpunkt ihrer Argumentation ist die These von der „doppelten Unsichtbarkeit“. Einerseits gelten Frauen als friedfertig und unpolitisch, andererseits gerade im Bereich des Rechtsextremismus oftmals als unerkannt. Rechtsextremistisch eingestellte Frauen gingen strategisch vor und nutzten derartige Geschlechterstereotype, um ihre Ideologie unter die Leute zu bringen. Die - wenig informativen - Passagen über Frauen im Rechtsextremismus nach 1945 wie die über Beate Zschäpe aus „Gender-Perspektive“ stammen jeweils von Ulrich Overdieck. Seine Kernthese stimmt mit der von Lehnert und Radvan überein.

          Die Schrift besteht neben einer Einleitung sowie einem Fazit aus zwei Kapiteln: einem kurzen zum „historischen Blick“ und einem längeren zur „Wahrnehmung von Rechtsextremistinnen“ in der Gegenwart. Im „historischen Blick“ kommt zur Sprache, das Konzept der „organisierten Mütterlichkeit“ habe in der Sozialen Arbeit die Entpolitisierung des Berufs der Fürsorgerin begünstigt. Wer im „Dritten Reich“ als Fürsorgerin leitend tätig war, konnte die Tätigkeit nach 1945 mit autoritären Erziehungszielen ohne Schwierigkeiten fortsetzen, wie die Autorinnen anhand weniger Beispiele zeigen. Der Mythos vom unpolitischen Helfen erweise sich als zählebig.

          Mit Blick auf die Wahrnehmung von rechtsextremen Frauen in der Sozialen Arbeit und der Pädagogik heißt es, diese tarnten sich einerseits mit ihren Positionen und suchten andererseits Einfluss zu erlangen. Steht der eine Befund nicht in einem gewissen Spannungsverhältnis zu dem anderen? Durch Recherchen der Antifa sei es zuweilen gelungen, Wahrnehmungsdefizite abzubauen. Für die Therapie gilt: „Genderreflektierende Konzepte in der Jugendarbeit bieten die Möglichkeit, unterschiedliche Geschlechter zu betrachten und insbesondere auch geschlechtsbezogene Motive von Jungen und männlichen Jugendlichen konzeptionell einzubeziehen.“ Immer wieder ist von „geschlechterreflektierender Rechtsextremismusprävention“ die Rede, wobei nach „Kader, Aktivist_innen, Mitläufer_innen und Sympathisant_innen“ unterschieden wird. Lehnert und Radvan plädieren für einen „parteilichen Ansatz“. Wer einen „eindeutig rechtsextremistischen Hintergrund“ aufweise, müsse entlassen werden. Immerhin erhält der Leser durch Hinweise auf einschlägige Literatur einen Überblick zum Forschungsstand. Das genügt aber nicht, um die Schrift, eine Art Flickenteppich, als instruktiv anzusehen. Die These, wonach Frauen in der rechtsextremen Szene Einfluss erlang(te)en, ist unhaltbar: Sie spiel(t)en im deutschen Rechtsextremismus keine nennenswerte Rolle, nicht in den Parteien, nicht in der subkulturellen Szene, nicht im Terrorismus. Für den Linksterrorismus jedoch trifft das zu.

          Esther Lehnert/Heike Radvan: Rechtsextreme Frauen. Analysen und Handlungs- empfehlungen für Soziale Arbeit und Pädagogik. Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2016. 138 S., 14,90 €.

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