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Lebensrealität : Nüchterner Blick ins zerrüttete Land

Ein kolumbianischer Fußball-Fan am 5. Oktober 2017. Bild: dpa

Was immer man über Kolumbien wissen will - in einem Buch.

          3 Min.

          Das „leichte Geld“ sei zur perversesten aller Drogen geworden, schrieb der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez 1993 im kolumbianisch-spanischen Wochenmagazin „Cambio 16“. Es habe die Vorstellung gefördert, dass das Gesetz ein Hindernis auf dem Weg zum Glück sei, dass es sich nicht lohne, lesen und schreiben zu lernen, dass man als Auftragsmörder besser und sicherer lebe denn als Richter. García Márquez stellte einen gesellschaftlichen Wandel fest, dessen Ursache er im Drogenhandel und dessen Bekämpfung sah, und erkannte die Anzeichen einer Narco-Kultur mit eigenen Ausdrucksweisen und schwachem ethischem Fundament.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Drei Tage nachdem die „Notizen“ von García Márquez erschienen waren, wurde in Medellín Pablo Escobar erschossen. Escobar, so musste Kolumbien feststellen, war bloß eines von vielen Kapiteln im „Drogenkrieg“. Sein Tod bedeutete nicht das Ende des Drogenhandels und des Strebens nach dem leichten Geld. Die Narco-Kultur hat sich bis heute gehalten in Kolumbien. Das leichte Geld ist überall – auch in der Politik.

          Die Narco-Kultur oder Kultur des leichten Geldes ist zwar nicht die Wurzel des blutigen Bürgerkrieges in Kolumbien, der Hunderttausende von Opfern gefordert hat. Doch sie hat sich spätestens in den neunziger Jahren zum stärksten Antriebsmotor des Konfliktes entwickelt. Für viele Kolumbianer, die keine Aussichten auf sozialen Aufstieg haben, wurde der Drogenhandel ein Mittel zur Selbsthilfe, eine Alternative zu den sozialistischen Heilsversprechen, welche die Guerrillabewegungen der armen Landbevölkerung lange Zeit gepredigt hatten. Gleichzeitig entwickelte sich der Drogenhandel auch für die kolumbianischen Guerrilleros zur wichtigsten Geldquelle.

          Wenn heute vom bewaffneten Konflikt in Kolumbien die Rede ist, dann geht es dabei längst nicht mehr um Marxismus und nur indirekt um die Landfrage, sondern in erster Linie um den Drogenhandel oder andere illegale Geschäfte – um das leichte Geld. Die Akteure sind zahlreich, arbeiten zusammen oder stehen in Konkurrenz zueinander. Die Friedensverhandlungen mit den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc), die 2016 zu einem Abschluss kamen, haben einen dieser Akteure scheinbar neutralisiert, gleichzeitig jedoch Raum für bestehende oder gar neue Gruppen geschaffen. Der kolumbianischen Armee ist es nicht gelungen, das entstandene Vakuum rechtzeitig zu schließen. Wer ehemalige Farc-Gebiete bereist, trifft dort vor allem auf das größte historische Defizit Kolumbiens: das Fehlen des Staates in diesen Regionen. An die Stelle des Staates ist das Koka getreten, für das ein Markt existiert und das der Landbevölkerung direkt und indirekt ein Einkommen garantiert, das die Lücken schließt, die der Staat offen lässt.

          In den früheren Farc-Gebieten spricht niemand von Frieden und kaum jemand vom Post-Konflikt. Viel eher wird die Bezeichnung Post-Vertrag verwendet. Denn der Konflikt ist längst nicht überwunden. Die Erwartungen an die Zukunft sind entsprechend pessimistisch. Das Abkommen mit den Farc kann zwar als historisch betrachtet werden, doch es ist kein Garant für eine friedlichere Zukunft. Heute lässt sich nicht voraussehen, wie es in Kolumbien weitergeht.

          Die Situation, in der sich das Land heute befindet, ist nicht nur ein Resultat der jüngsten Geschichte. Wer den Konflikt in Kolumbien verstehen will, der muss Kolumbien als Ganzes verstehen. Einen umfassenden und vielseitigen Überblick über die Lebensrealität liefert das Nachschlagewerk „Kolumbien heute. Politik, Wirtschaft, Kultur“. In mehr als 30 Beiträgen analysieren Autoren unterschiedlichste Aspekte aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dieses sehr komplexen Landes. Sie beschränken sich nicht nur auf den Konflikt oder den Friedensprozess, sondern liefern einen Überblick, der bis hin zur Geschichtspolitik, zu Literatur und Kino oder eben zur Narco-Kultur reicht. „Kolumbien heute“ ist keine Betrachtung aus der Nähe und deshalb nicht besonders lebendig. Dennoch wendet sich das Buch nicht nur an Wissenschaftler, sondern an eine breitere Leserschaft und Kenner, die sich vertieft mit Kolumbien auseinandersetzen wollen.

          „Kolumbien heute“ ist das jüngste Buch der „heute“-Reihe des Ibero-Amerikanischen Instituts der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zwanzig Jahre nach der ersten Ausgabe haben sich die Herausgeber zu einer Neuauflage von „Kolumbien heute“ entschieden. Das war mit Blick auf die Ereignisse der vergangenen Jahre dringend nötig.

          Susanne Klengel, Thomas Fischer, Eduardo Pastrana Buelvas (Hrsg.): Kolumbien heute. Politik, Wirtschaft, Kultur. Iberoamericana-Vervuert. Madrid/Frankfurt, 2017. 632 S., 39,80 .

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