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Längere Geschichte : Nach Kennedy ging es bergab

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John F. Kennedy am 15. Juli 1960 in Los Angeles Bild: AP

Die Idee des „Westens“ hat nicht erst unter Trump an Bedeutung in Amerika verloren.

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          Sollte Joe Biden im November zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden, steht er auch außenpolitisch vor einem Scherbenhaufen, doch er kann schon deshalb nicht einfach in die Zeit vor Trump zurück, weil die Republikaner wie auch seine Demokraten nicht mehr die Parteien von 2016 sind. Michael Kimmage, der bis zu diesem Wahljahr im State Department arbeitete, schildert in „The Abandonment of the West“, wie die Idee des Westens seit 1914 zum Leitstern der amerikanischen Außenpolitik aufstieg, gegen Ende des Jahrhunderts aber verblasste und unter dem jetzigen Präsidenten unsichtbar wurde.

          Im langen 19. Jahrhundert, von der Revolution bis zum Ersten Weltkrieg, symbolisierte Kolumbus den amerikanischen Anspruch, zugleich Fortsetzung der europäischen Zivilisation und Modell einer auf „Liberty and Self-government“ gegründeten Republik zu sein. Demonstrativer Ausdruck dieses Mythos waren die Umbenennung des New Yorker King’s College in „Columbia University“ (1794) oder die Bezeichnung „District of Columbia“ für das Gelände der geplanten Hauptstadt. Dort beschloss 1892 der Kongress, sich 400 Jahre nach Kolumbus durch eine „World’s Columbian Exposition“ in Chicago als aufstrebendes Land zu präsentieren. Wenn Amerikaner in dieser Zeit vom Westen sprachen, dann ging es um die Ausdehnung ihres Landes bis zum Pazifik. Erst durch den Eintritt des Landes in den Ersten Weltkrieg wurde der Westen zur Realität und zu einer geopolitischen Kategorie, was dazu führte, den Krieg als Verteidigung westlicher Kultur zu rechtfertigen, wie es andererseits in den Vereinigten Staaten die permanente Kritik an diesem Internationalismus erzeugte. In den Universitäten, beginnend mit Columbia und Chicago, setzte sich das Studienprogramm „Western Civilization“ durch, das – meist als Kanon der 100 wichtigsten Bücher der westlichen Tradition – mehreren Generationen amerikanischer Eliten Geschichte als Geschichte des Westens vermittelte, die dazu diente, zu verstehen, „wer wir sind“. Auch wenn Lehrangebote nur den prägen, der bereits ein Interesse an solcher Vergewisserung mitbringt, ist es doch beeindruckend, wie deutlich sich diejenigen an westlicher Kultur orientierten, die zwei Jahrzehnte später in führende Positionen rückten. Truman, der seine Karriere mit Kritik am vorherrschenden Isolationismus begonnen hatte, umgab sich als Präsident mit Beratern, die wie eine Auswahl der besten Western-Civ-Absolventen wirkten. Dazu gehörten neben George Kennan (Hitler habe jedes Gefühl der Verantwortung für die europäische Kultur gefehlt) und Dean Acheson („Europa war für uns die Welt“), John McCloy, George Marshall, Averell Harriman und Lucius Clay. Nicht anders Eisenhower, der im Wettbewerb um die republikanische Präsidentschaftskandidatur auf Robert Taft, Sohn des Präsidenten Taft, stieß, der mit Unterstützung des ehemaligen Präsidenten Hoover unter anderem gegen die Nato kämpfte, die dazu führen müsse, dass „die Russen“ sich eingekreist fühlten. Der Gleichklang zwischen westorientierten Präsidenten, dem außenpolitischen Establishment und den Universitäten erreichte nach Kimmage mit Kennedys Berliner Rede von 1962 seinen Höhepunkt und sein Ende, weshalb er die F.A.Z. („the German paper of record“) mit der Einschätzung zitiert, Kennedy sei als Student ein Europäer geworden.

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