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Krisenmanagement : Fass ohne Boden

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge bei ihrer Ankunft im Zamzam IDP camp for Internally Displaced Persons Bild: Reuters

In den Denkkontoren westlicher Sicherheitspolitik ist das Konzept des „umfassenden Ansatzes“ Mode geworden. Nach dem Ende der ersten Dekade des Jahrhunderts mit wenig ermunternden Erfahrungen bei Friedensmissionen und Krisenstabilisierungen herrscht jetzt Katzenjammer vor.

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          Wege und Irrwege - das klingt nicht gut, nämlich hauptsächlich nach viel Irrwegen. Leider stimmt ja die Assoziation, die der Titel dieses Sammelbandes aus dem Wiener Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement hervorruft. Es ist übrigens an der Landesverteidigungsakademie des Österreichischen Bundesheeres angesiedelt und also auf den Transfer politischer Theorie in die sicherheitspolitische Praxis und auf den Transfer praktischer Erfahrungen in die Theoriebildung geeicht. An dieser Schnittstelle türmen sich die von beiden Seiten mit viel semantischem Elan herbeigetriebenen Begriffs- und Konzeptbezeichnungen, die in Theorie und Praxis unterschiedlich lange, aber oft nur für eine kurze Zeitspanne in Gebrauch sind, bevor sie wieder ausgemustert werden und verrosten.

          Jüngst ist in den Denkkontoren westlicher Sicherheitspolitik das Konzept des „umfassenden Ansatzes“ (comprehen- sive approach) Mode geworden. Nach dem Ende der ersten Dekade des Jahrhunderts mit seinen wenig ermunternden Erfahrungen bei humanitären Interventionen, Friedensmissionen, Krisenstabilisierungen und dem Vertrocknen aller Hoffnungen auf eine wirksame Krisen- und Konfliktprävention herrscht jetzt erst einmal ein großer Katzenjammer vor. Im Westen jedenfalls, denn es handelt sich hier um westliche Konzepte, selbst wenn sie von den Vereinten Nationen universalistisch übermalt werden. Wenn vorhandene Ansätze des sicherheitspolitischen Krisenmanagements in der Welt nur enttäuschende Resultate liefern, wenn militärische Einsätze erfolglos bleiben, zivile Ziele der Rekonstruktion von politischen Systemen oder gar nationaler Identitäten verfehlt werden, Hilfsgelder zum Aufbau von Infrastruktur und Wirtschaft vor allem die Korruption anheizen, dann kommt man leicht auf die Idee, alle diese Ansätze, die sich im Irak, in Afghanistan, in Somalia und fast überall sonst nicht bewährt haben, zu einem „umfassenden Ansatz“ zusammenzubinden.

          Falsch ist das zunächst einmal nicht. Aber einen solchen Ansatz umzusetzen (vorausgesetzt, er wird von den Akteuren akzeptiert und einvernehmlich in einzelne Handlungsschritte unterteilt), das ist ungemein schwierig. Nur eben, dass sich eine andere mögliche Konsequenz aus dem Scheitern der bisherigen Ansätze zum Konfliktmanagement in Krisenregionen verbietet, nämlich ganz die Finger von derlei zwischen Werte-Projektionen und Interessenpolitik angesiedelten Missionen zu lassen. Dafür steht zu viel auf dem Spiel: Menschenleben in großer Zahl, die internationale Ordnung, Schutz vor aus den Krisenregionen in die „sicheren“ Regionen der Welt überschwappenden Bedrohungen.

          Den Band von Walter Feichtinger und seinen Mitherausgebern gibt einen soliden Einblick in die gegenwärtige inner-westliche Fachdebatte über die missliche Lage von sicherheitspolitischem Konfliktmanagement (kurz- und mittelfristig) und sicherheitspolitischer Krisenstabilisierung (mittel- und langfristig). Solide Fachleute lassen sich von den Formeln der politischen spin doctors nicht blenden. Entsprechend nüchtern sind hier jene Beiträge ausgefallen, die Irrwege des Krisenmanagements in Afghanistan, Afrika und im Vorderen Orient bilanzieren. Insbesondere der Afghanistan-Beitrag besticht durch seine wohlabgewogene Schonungslosigkeit. Zwei weitere Fallstudien vermitteln ein um etliche Schattierungen helleres, aber nicht grundsätzlich anderes Bild, der Aufsatz zum Staatszerfall Jugoslawiens und zum Krisenmanagement in Papua-Neuguinea. Sehr viel politische Bedeutung für die internationale Ordnung kann man dem zuletzt genannten Fallbeispiel zwar nicht zumessen. Immerhin ist aufschlussreich, dass und wie schon Mitte der 1990er Jahre eine private Sicherheitsfirma in diese Staatskrise verwickelt war.

          Neben diesen fünf historisch-analytischen Überblicksartikeln umfasst der Band auch fünf konzeptionell-analytische Aufsätze, die von den Herausgebern vermutlich als die wichtigeren eingestuft werden. Hier wird zum Teil erheblicher Aufwand an Theoriebildung betrieben, etwa in dem Versuch von Hermann Mückler, sich dem Konflikt-Thema auf kultur- und sozialanthropologischen Wegen anzunähern. Die führen jedoch nur in die grobe Richtung der gegenwärtigen Probleme im internationalen Krisenmanagement. Wolfgang Braumandl-Dujardin gibt einen Überblick über die verschiedenen Vorstellungen von einem „umfassenden Ansatz“ des künftigen Krisenmanagements und wägt sie gegeneinander ab. In den Mittelpunkt stellt er dabei den Wiener 3C-Appell von 2010, eine Erklärung mehrerer meist österreichischer staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen über die Verbesserung des internationalen Krisenmanagements durch Kompetenz, Koordination und Kohärenz. Im Englischen beginnen diese Worte alle mit einem C, daher der Name 3C-Appell.

          Dass die Akteure beim Krisenmanagement nicht unzusammenhängend, unsachverständig und unkoordiniert vorgehen sollen (3U-mäßig), ist nicht unbedingt eine neue Erkenntnis. Tatsächlich tun sie es aber viel zu oft. Das beklagt auch Feichtinger in seinem Auftaktaufsatz und Gerald Hainzl/Predrag Jureković sowie noch einmal Feichtinger in ihren resümierenden Schlussbeiträgen. Sie warnen mit Recht vor verfrühten „mission accomplished“-Illusionen und Scheinstabilisierungen. Außerdem machen sie darauf aufmerksam, dass die Unterschiedlichkeit der Krisen und Konflikte sehr groß ist. Krisenmanagement ist nur ansatzweise planbar, denn, in den Worten Feichtingers, es „wird wohl wieder vieles anders kommen als erwartet“. Unterm Strich ist die Lektüre des Buches zugleich lehrreich und sachangemessen deprimierend.

          Walter Feichtinger/Hermann Mückler/Gerald Hainzl/Predrag Jurekovi (Herausgeber): Wege und Irrwege des Krisenmanagements. Von Afghanistan bis Südsudan. Böhlau Verlag, Wien 2014. 269 S., 35,- €.

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