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Kriegsverbrecher : Schwärende Wunde

  • -Aktualisiert am

Internationaler Gerichtshof, Friedenspalast Bild: AP

Warum setzen sich eigentlich Bundesregierungen jeglicher Couleur für Inhaftierte in anderen Ländern ein?

          Als Herbert Kappler in der Nacht zum 15. August 1977 die Flucht aus einem römischen Militärhospital gelang, hatte der letzte verurteilte Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs auf italienischem Boden nach 32 Jahren Inhaftierung seine Freiheit wiedererlangt. Entgegen zeitgenössischer Berichterstattung, die von einer Abseilaktion und sogar geheimdienstlichen Hilfeleistungen phantasierte, war der ehemalige SS-Obersturmbannführer mit seiner Ehefrau unbehelligt durch den Haupteingang entwichen. Blieben nur noch die „Drei von Breda“, die in den Niederlanden ihre lebenslangen Haftstrafen verbüßten. Erst am 27. Januar 1989 stimmte die Zweite Kammer in Den Haag für die Amnestierung der beiden verbliebenen Kriegsverbrecher, die umgehend in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben wurden. Franz Fischer und Ferdinand aus der Fünten hatten 44 Jahre in niederländischen Gefängnissen eingesessen.

          Ein dreiviertel Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer war damit ein weiteres Kapitel des Zweiten Weltkriegs abgeschlossen worden. Es gab keine deutschen Kriegsverbrecher mehr in ausländischer Haft. Die in Göttingen angefertigte Dissertation beschäftigt sich mit dem Schicksal dieser Langzeitinhaftierten, mit den Unterstützerkreisen der Kriegsverbrecher, die auf ein Ende der Inhaftierungen pochten, sowie mit der Bedeutung des Ringens um Haftverschonung für die Geschichte der Bundesrepublik. Die Studie zerfällt mindestens in zwei Teile: zum einen die Rekonstruktion der titelgebenden „Kriegsverbrecherlobby“, zum anderen die weiterführenden Einsichten in die Geschichte der westdeutschen Demokratie, die aber überzogen sind. Schicksal von Dissertationen ist es, einen Teilaspekt der Geschichte zu thematisieren. Nur durch diese Konzentration kann es gelingen, den bereits umfangreichen Wissensstand zu bereichern und neue Aspekte in die wissenschaftliche Diskussion einzuführen. Schon dies ist ein hoher Anspruch, dem nicht jede Arbeit gerecht wird. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass talentierte Nachwuchswissenschaftler ihren Teilaspekt gleichsam zum archimedischen Punkt hochstilisieren, um größere Gesamtzusammenhänge erklären zu wollen – vielleicht sogar um die Geschichte eines ganzen Staates neu bewerten zu können.

          Folgt man der Argumentation des Autors und treibt den vorgestellten Interpretationsansatz nur ein wenig auf die Spitze, dann war das größte Wunder der deutschen Geschichte die Etablierung einer erfolgreichen Demokratie nach 1949, denn überall, wohin man schaut, waren Nationalsozialisten oder zumindest Helfershelfer der Nationalsozialisten – die vermeintliche „Kriegsverbrecherlobby“.

          Gewiss gab es in den fünfziger und sechziger Jahren umfangreiche Unterstützungsgruppen – Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e.V., Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (Hiag) sowie Verband der Heimkehrer, Kriegsgefangenen und Vermisstenangehörigen (VdH) –, die mit Nationalsozialisten und Ewiggestrigen durchsetzt waren, und gewiss übten diese Kreise einen gewissen Druck auf die Politik aus – schon durch ihre recht hohen Mitgliederzahlen. Doch macht es sich der Autor zu leicht, wenn er behauptet: „Der Einfluss der bundesdeutschen Unterstützernetzwerke hatte beträchtliche Auswirkungen auf das Engagement der Bundesregierungen für eine Freilassung Kapplers und der Vier von Breda.“ Zwar weist er im Laufe der Untersuchung immer wieder auf die unterschiedlichsten Faktoren hin, die über die Jahrzehnte zu einer durchaus intensiven Beschäftigung vor allem des Auswärtigen Amtes mit der Kriegsverbrecherfrage geführt haben.

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