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Kriegsverbrechen : Tödliche Zuflucht Srebrenica

Bild: EPA

Ein Traumatisierter schreibt gegen das Vergessen an: Das Massaker von Srebrenica.

          3 Min.

          Hasan Nuhanović ist am Leben, weil er English spricht. Sein jüngerer Bruder, sein Vater und auch seine Mutter leben nicht mehr, weil sie kein Englisch sprachen. Sie wurden 1995 in Srebrenica von Soldaten unter dem Befehl des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić getötet. Sie sind drei von mehr als 7000 Opfern des größten Massakers in Europa nach 1945. Nuhanović hatte sich in der serbisch belagerten Enklave selbst Englisch beigebracht und eine Anstellung als Übersetzer des niederländischen Blauhelmkontingents gefunden, das für die Sicherheit von mehreren zehntausend bosnischen Muslimen hätte sorgen sollen, die sich in die vermeintliche „UN-Schutzzone“ im Osten Bosniens geflüchtet hatten. Als Mladićs Truppen die Enklave überrannten, floh die Familie Nuhanović auf das abgezäunte Gelände des niederländischen Bataillons, das von den Serben nicht betreten wurde. Hasan Nuhanović durfte bleiben, da er als Übersetzer gebraucht wurde. Den Rest der Familie aber übergaben die Niederländer trotz Nuhanovićs Flehen den Serben und damit dem Tod.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Nuhanović, ein ernsthafter Mann, der heute mit Frau und Tochter in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo lebt, hat ein Buch über seine Erlebnisse im Bosnien-Krieg geschrieben. Aus der mittlerweile beachtlichen Fülle an Srebrenica-Memoiren und -Studien ragt es als eines der besten Werke heraus. Reflektiert, selbstkritisch, stets auch die Verlässlichkeit eigener Erinnerungen in Frage stellend oder ihre trügerische Sicherheit als Möglichkeit einbeziehend, schreibt Nuhanović unaufgeregt, konzis und gerade deshalb ungemein fesselnd. „Page-turner“ heißt so etwas im Englischen – ein Buch, das sich in kürzester Zeit liest, weil man wissen will, wie es weitergeht und endet. Nur hat dieses Buch leider keine erfundene Handlung und ein Ende, das von vornherein feststeht.

          Eine weitere Stärke von Nuhanovićs Erinnerungen ist der gewählte Zeitausschnitt: Das Buch endet, wo andere Schilderungen zu Srebrenica beginnen: am 11. Juli 1995, dem Tag, als Mladićs Truppen die Enklave einnahmen und das Massaker begann. Über das, was dann geschah, geben Protokolle des Kriegsverbrechertribunals, Zeitungsartikel, Bücher sowie in vielen Sprachen äußerst umfangreiche Wikipedia-Einträge Auskunft.

          Die Vorgeschichte des Massakers aber, die Nuhanović erzählt, ist viel weniger bekannt. Man braucht kein Vorwissen, um dieses Buch zu verstehen, doch wird selbst wer schon einiges über „Srebrenica“ weiß, hier noch Neues erfahren. Vor allem der Kontext des Massakers wird deutlicher als in vielen anderen Büchern zum gleichen Thema. Dazu gehört der Umstand, dass die meisten Opfer des Massakers von Srebrenica nicht aus dem Ort stammten. Vor dem Krieg hatte der Ort kaum 12 000 Einwohner, doch 1995 drängten sich Zehntausende bosnische Muslime in der Enklave, die vor Massakern aus anderen Teilen Ostbosniens geflohen waren.

          Zwar wird die planvolle serbische Vertreibungspolitik im bosnischen Krieg heute meist mit dem Namen „Srebrenica“ verbunden, doch die meisten Zivilisten in Bosnien waren schon 1992 und 1993 getötet worden. Damals begannen die „ethnischen Säuberungen“, die in Srebrenica kulminierten und deren Ergebnis die bis heute bestehende „Bosnische Serbenrepublik“ ist. Die Schilderung der monatelangen Flucht der Nuhanovićs aus ihrem Heimatort Vlasenica nach Srebrenica nimmt etwa die Hälfte des Buches ein. In Srebrenica, wo sich recht starke muslimische Verteidigungskräfte gebildet hatten, hoffte die Familie, sicherer zu sein. Es herrschen dort dann aber vor allem Angst und Hunger.

          Angst vor dem in unregelmäßigen Abständen einsetzenden serbischen Beschuss durch Artillerie oder Flugzeuge, Hunger stets und überall. Immer wieder beschreibt Nuhanović ebenso waghalsige wie verzweifelte Versuche, Nahrung aufzutreiben. Am Ende sieht man die Familie vor sich: Den einst stolzen Vater, der sich bitter anklagt, weil er die Familie im Frühjahr 1992 nicht aus dem Land geführt hatte, als noch Zeit dazu gewesen wäre. Den in sich gekehrten, still leidenden Bruder. Die Mutter, die es ablehnt, die Enklave mit einem dänischen Hilfskonvoi zu verlassen, da sie lieber mit ihrer Familie sterben als allein weiterleben will.

          Natürlich werden auch diese 300 erschütternden Seiten von Nuhanovićs Bericht jene nicht verstummen lassen, die von „sogenannten Opfern“ in Srebrenica sprechen, das Massaker verharmlosen oder es gar für eine „Falle“ halten, die der perfide Westen arglosen serbischen Kämpfern gestellt habe.

          Auch vermeintliche Rechtfertigungen des Massakers durch Verweise auf Verbrechen an serbischen Zivilisten in Bosnien (und solche Untaten gab es fraglos) wird es weiterhin geben. Aber Nuhanović stellt den Schwadronaden der Geschichtsklitterer ein Zeugnis von moralischer und historischer Glaubwürdigkeit entgegen, dem eine große Leserschaft zu wünschen ist, möglichst auch in deutscher und schwedischer Übersetzung. Der Sommer 1995 war jener, in dem Christo und Jeanne-Claude in Berlin den Reichstag verhüllten. Hier ist zu lesen, was damals sonst noch geschah in Europa.

          Hasan Nuhanović: The Last Refuge. A True Story of War, Survival and Life Under Siege in Srebrenica.

          Peter Owen Publishers, London 2019. 303 S., 14,99 £.

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