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Korruption : Autoimmunerkrankung der Demokratie

Christian Wulff und seine Frau Bettina 2012 Bild: dpa

Korruption ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Eine Übersicht der Geschichte(n) aus der Bundesrepublik.

          4 Min.

          Am Ende, als die Justiz die Vorwürfe gegen Christian Wulff geprüft hatte, blieb nicht viel übrig vom Sturm der Entrüstung, der ihn aus dem Amt des Bundespräsidenten gefegt hatte. Trotzdem stand er vor den Trümmern seiner politischen Karriere. Das Staatsoberhaupt war über einen vielschichtigen Korruptionsskandal gestolpert, der mit einem zweifelhaften Hauskredit und einer vermeintlichen Lüge vor dem Landtag in Hannover begann, zu Berichten über Einladungen zum Essen und in den Urlaub führte und in einem geschenkten Bobby-Car seinen Höhepunkt fand. Der Freispruch Wulffs 2014 bildet den Schlusspunkt von Jens Ivo Engels’ Buch „Alles nur gekauft? Korruption in der Bundesrepublik seit 1949“. Der Bundespräsident a. D. entsprach dem „populären Politikerbild vom Schnäppchenjäger“, schreibt Engels. Die Affäre stehe für eine „Art Quintessenz der elitenkritischen Korruptionsdebatte seit dem Beginn der 1990er-Jahre“. Der Fall Wulff ist auch das Ende einer Skandalisierungsspirale, in der „Antikorruption“ zur „politischen Obsession“ geworden sei.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Seine Erzählung von der Korruption der Bundesrepublik beginnt der Autor mit einem Rückblick. Ende der vierziger Jahre habe es eine „populäre Gleichsetzung“ von Nationalsozialismus und Korruption in der Öffentlichkeit gegeben. „Die Untaten der Nazis, das waren zunächst weniger Judenmord, Holocaust, Euthanasie, Verfolgung und Kriegsverbrechen, sondern vielmehr Korruption, Käuflichkeit und Bereicherung von Nazibonzen“, schreibt Engels. Als besonders absurdes Beispiel führt der Autor den SS-Richter Konrad Morgen an, der sich während seines Entnazifizierungsverfahrens als Kämpfer gegen die Korruption in Auschwitz inszenierte. „Was man heute als Beitrag zur Optimierung der Schoah bewerten würde, galt [. . .] als moralische Heldentat.“ Der SS-Mann wurde entlastet.

          Obwohl die junge Demokratie eine korruptionsfreie Alternative sein sollte, ereignet sich in den ersten Jahren der Bundesrepublik ein besonders schwerer Fall der Bestechung bei der Entscheidung, ob Bonn oder Frankfurt Hauptstadt werden soll. für die Stadt am Rhein stimmten. Engels erkennt im Hinblick auf die Medienberichterstattung dieser Zeit eine Strategie der „behutsamen Aufklärung“, die zum Erfolg geführt habe.

          Neben der Nacherzählung der großen Korruptionsaffären – von den Dienstwagen-Affären der Ära Adenauer über Fibag, Starfighter und das gescheiterte Misstrauensvotum gegen Kanzler Willy Brandt – geht es um die Debatten und Bewertungen, die diese zur Folge haben. Im Zusammenhang mit den Parteiübertritten von SPD und FDP hin zu CDU und CSU im Jahr 1972 hatte Brandt in einem Interview behauptet, dass dabei Korruption eine Rolle gespielt habe. Das löste eine Welle der Empörung aus. Das „Reizwort Korruption“, schreibt Engels, war noch immer tabu. Ironie der Geschichte: Erst viel später sollte sich herausstellen, dass das Misstrauensvotum gegen Brandt nur gescheitert war, weil offenbar der DDR-Geheimdienst Abgeordnete gekauft hatte – und damit den Fortbestand der sozialliberalen Koalition gesichert hatte.

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