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Konrad Canis: Der Weg in den Abgrund : Der realer Kern der Einkreisungsängste

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Deutsche Soldaten auf dem Weg in den Krieg , August 1914 Bild: Abbildung aus Michael Epkenhans/Andreas von Seggern: Leben im Kaiserreich. Deutschland um 1900

Konrad Canis beschließt seine mehrbändige Geschichte der deutschen Außenpolitik von 1870 - 1914 mit der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs.

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          Es kommt Bewegung in die Erforschung der Großmächtebeziehungen vor dem Ersten Weltkrieg. Die Gründe sind vielfältig. Das Ende des Kalten Krieges und das Heraufziehen eines stärker multipolar ausgerichteten Staatensystems verändern den Blickwinkel. Fritz Fischers These vom zielstrebigen deutschen Griff nach der Weltmacht hat sich als überspitzt erwiesen, der deutsche Sonderweg an Überzeugungskraft eingebüßt. Die lange Zeit gängige Deutung deutscher Außenpolitik als Inbegriff diplomatischer Grobschlächtigkeit, deplatzierten Kraftgefühls, aggressiven Expansionsstrebens und permanenten Versagens ist relativiert worden. Historiker blicken nicht mehr vorrangig nach Berlin, um die längerfristigen Ursachen des großen Krieges zu erklären, sondern verstärkt auch wieder nach Wien, St. Petersburg, Paris und London.

          Kaum ein deutscher Historiker hat so großen Anteil an der Revision überkommener Sichtweisen wie Konrad Canis, der jetzt den dritten Band seiner fulminanten Geschichte der deutschen Außenpolitik von 1870 bis 1914 vorlegt. Nachdem er in den ersten beiden Bänden Bismarcks Außenpolitik sowie die von grundsätzlichem Optimismus getragenen Anfänge deutscher Weltpolitik untersucht hat, wendet er sich im Abschlussband den zunehmenden Enttäuschungen und wachsenden Bedrohungsgefühlen der letzten zwölf Vorkriegsjahre zu.

          Seine Darstellung ist im Stil klassischer Diplomatiegeschichte gehalten. Sie bezieht ihre Überzeugungskraft weniger aus dem detaillierten Nachvollzug der Forschungsergebnisse anderer Historiker als aus einem beeindruckend gründlichen Studium der Akten nicht nur in Berlin, sondern auch in München, Dresden und Wien. Die Studie behandelt die bekannte Kette sich zuspitzender Konfrontationen. Aber sie verweigert sich dem üblichen Reiz-Reaktions-Schema, dem zufolge die deutsche Herausforderung des Status quo mehr oder weniger automatisch die entsprechende Gegenwehr der anderen Mächte ausgelöst habe.

          Weltpolitische Verschiebungen

          Schon dass Canis seine Untersuchung 1902 beginnt und nicht mit dem Amtsantritt Bernhard von Bülows als Außenstaatssekretär 1897 oder mit der forcierten deutschen Flottenrüstung 1898, ist programmatisch zu verstehen. Nicht die deutsche Weltpolitik stand am Anfang der in den Krieg mündenden diplomatischen Verwicklungen, sondern weltpolitische Verschiebungen außerhalb des Reiches, auf die Berlin reagieren musste und immer weniger konnte.

          Der Autor streicht die Neuausrichtung der britischen Politik seit 1902 heraus, die nach einem Bündnis mit Japan auch zu Absprachen mit Frankreich in der Entente Cordiale von 1904 und mit Russland im Abkommen von 1907 führte und in einer Art Kartell der führenden Kolonialmächte auf eine „partielle Ausgrenzung“ des Deutschen Reiches als weltpolitischem Nachzügler zielte. „Von London“, so Canis, „ging die Bewegung aus, die in die Mächtekonstellation kam. Sie richtete sich gegen Deutschland, den stärksten Rivalen.“ Insofern hatten die deutschen Einkreisungsängste, die später oft als Projektionen eigener aggressiver Absichten der deutschen Führungsschichten abgetan wurden, einen realen Kern.

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